Der Vorfall, den ich erzählen möchte, hat sich vor ein paar Wochen
abgespielt. Ein Papageienpaar landete auf meinem Fensterbrett und so einiges ist
mir dabei eingefallen.
Ich erzähle ein bisschen die Vorläufer, damit man die Geschichte auch
richtig versteht. Seit 2017 wohne ich in einem Hochhaus. Zuvor habe ich
Parterre auf eines der Hügeln, die das Zentrum von Rio umgeben, gewohnt, es war
mir aber zu viel Arbeit, und ich bin umgezogen.
Man kann in Rio, selbst in einem Hochhaus inmitten der Betonwildnis, von
Grünen umgeben sein. So erklärt sich, dass jeden Morgen früh Papageienscharen
herangeflogen kommen, trotz zehnten Stocks. Ich glaube sie suchen Palmennüsse,
die eher auf der Ebene zu finden sind. Viele Straßen sind mit Palmen bepflanzt,
und es gibt auch Höfe, wo man sie finden kann. Die Vögel erscheinen früh, wenn
die Sonne noch mild und die Stadt noch nicht völlig wach ist. Selten landen sie
auf meinem Fensterbrett, denn ich habe weder Palmen noch Nüsse. Ich könnte sie natürlich
füttern, Papageien lieben Früchte, einige meine Nachbarn tun es, aber in meiner Meinung soll Natur bleiben was
sie ist, und die Suche nach Nahrungsmitteln gehört dazu.
Die Geschichte, die ich erzähle, beginnt an einem Morgen. Als ich den Saal
betrat, bemerkte ich die Papageien. Ein etwas größerer war dabei, leichte
Unterschiede in der Farbe konnte man beobachten, und ich nehme an es war ein
paar, denn sie fliegen meistens zu
zweit. Ich näherte mich vorsichtig, und blieb stehen. Sie hatten mich noch
nicht gesehen, unterhielten sich laut und lebhaft, und es vergingen ein paar
Sekunden bis sie meine Anwesenheit bemerkten. Sie waren etwas erschrocken und
blieben stumm. Die Neugier überwand aber die Angst und sie flogen nicht weg.
Die Neugier ist die Mutter des Wissens, sagt man. Das Wissen besteht aus
Zusammenhänge, Beziehungen und Verknüpfungen. Aus dem Einzelnen, Besonderen, wird
dann das Allgemeine, Generelle gemacht. Die Neugier sagt also schon etwas über
die Intelligenz der Papageien aus.
Das Paar war stumm, ich war stumm, und wir beobachten uns gegenseitig. Die
Stille war etwas verhängnisvoll, so
empfand ich es, und da ich der Gastgeber war, fühlte ich mich verpflichtet sie
zu brechen. Ich versuchte, wie damals im Zoo, ein Gespräch zu eröffnen, indem
ich die Lautäußerungen, die ich am Anfang gehört hatte, nachmachte. Normalerweise
funktioniert so etwas. Selbst Menschen wollen ja meistens nur ihre eigene
Meinung hören.
Dazu fällt mir folgendes ein. Ich habe mich eine Zeit lang mit Künstliche
Intelligenz (KI) beschäftigt. Allerlei Unfug wird unter diesen Namen
betrieben, d.h. vieles ist weder künstlich, stammt also nicht von der Maschine,
noch intelligent. In den Anfängen der KI gab es z.B. das Computerprogramm
ELIZA, dass ein Gespräch mit einem Menschen simulieren konnte. Tatsächlich
waren viele Versuchsteilnehmern überzeugt von der Maschine verstanden zu werden,
und sie vermuteten, dass ein Mensch dahinter steckte. In Wirklichkeit machte
die Maschine aber nicht viel anderes, als die von der Versuchsperson gebrachte
Auskunft umzugestalten, und als Antwort wiederzugeben. ELIZA war eins der
Vorgänger der Chatbots, die natürlich heute, mit dem enormen Ausbau der in
der Internet verfügbaren Information, außerordentlich an
Entwicklungsmöglichkeiten gewonnen haben. Anstatt die Auskunft eines Menschen
wiederzugeben, sind es heute Millionen Menschen, die für so eine Datenbank
umsonst arbeiten.
Das Papageienpaar und ich wir unterhielten uns ziemlich lange. Sie waren sichtlich
vergnügt mit dem Gespräch. Um die Wichtigkeit der Sprache, besonders bei
Vögeln, hervorzuheben, fällt mir folgende Geschichte ein. Sie spielt sich 1999
im Pantanal ab, ein Sumpfgebiet, fast halb so groß wie Deutschland, im
mittleren Südwesten Brasiliens, das Teile von Paraguay und Bolivien
miteinschließt. Das Pantanal besteht aus Savannen, riesigen
überschwemmten Wasserflächen, regenwaldartigen Flussgaleriewäldern und
Trockenwäldern, und enthält eine enorme Anzahl von Pflanzen und Tieren,
hauptsächlich Fische, Vögel, Krokodile, Schlangen aber auch Säugetiere wie
Affen, Hirsche, Capybara, usw. Ich nehme an, dass viel davon inzwischen dem
Klimawechsel, Waldbrände, Abholzung durch Viehzucht, zum Opfer gefallen ist.
Untergebracht wurden wir damals in einem Hotel, dass weit abseits gelegen
war. Eine Erdstraße, vier bis fünf Stunden durch Sand und Schlamm, führte uns
zu einem Bau am Ufer eines Flusses, das voll von Krokodilen war. Ich konnte kaum
abwarten mich den Reptilen zu gesellen und am Fluss zu baden, natürlich nur nachdem
ein Einheimischer mir versichert hatte, dass sie, weil gut ernährt, zu dieser
Zeit keine Gefahr boten.
Dies sind aber alles Einzelheiten, die uns von dem Kern der Geschichte
ablenken. Der Vorfall, den ich erzählen möchte, fängt bei dem Inhaber dieses
Hotels, eine etwas makabre Figur, an. Aussehen tat er wie ein Gorilla, schwer,
grob und dick, aber erstaunlich gewandt und schnell in den Bewegungen. In späteren
Gesprächen mit ihm ergab sich, dass er während der Militärdiktatur bei der
Polizei gearbeitet hatte. Ich vermute, dass nach der Demokratisierung er ins
Pantanal geflüchtet ist. Dort kannte ihn kein Mensch. Ich habe mich lange mit
ihm unterhalten, habe, wie ich es öfters tue, zu tief, zu indiskret und zu
direkt gebohrt, was ihn dann zum endgültigen Schweigen gebracht hat. Er hat
mich dann vermieden wie der Teufel das Kreuz, d.h., die Assoziation mit dem
Kreuz ist etwas prätentiös, ich bitte um Entschuldigung, aber es ist mir nichts
besseres eingefallen.
Das ist aber alles erst später passiert. Das hier geschilderte Ereignis spielt
sich ein paar Tage davor ab. Der Mann war Jäger, das hat er sofort erzählt. Während
der Diktatur waren es Menschen, das hat er natürlich nicht erzählt, jetzt waren
es Tiere. Wir waren die einzigen Brasilianer unter den Gästen, und er war sichtlich
zufrieden endlich mal portugiesisch sprechen zu können. Dies kann sein Angebot,
uns bei einer seiner Nachtausflüge mitzunehmen, erklären. Natürlich wollten wir
keine Jagd mitmachen. Das haben wir ihm auch ausdrücklich gesagt. Nein,
nein, keine Angst. Ihr sollt die Tiere nur sehen. Ich nehme keine Waffe
mit, war seine Antwort.
Wir starteten bei Abenddämmerung. Der Geländewagen, ein von den Militärs
benutztes Fahrzeug, nahm einen Weg, der eigentlich nicht für Vierräder gedacht
war. Über Stock und Stein, mit viel Gerüttel und Geratter erreichten wir eine
Prärie, wo er den Weg verließ und die
Weide nahm. Das ging so eine Zeit lang. Plötzlich hielt der Wagen. Mit
gestreckten Zeigefinger vor den Lippen befiehl er uns still zu sein. Die
Lichter wurden ausgemacht, er nahm mehrere Pfeifen aus der Tasche, aber zum
Teil hat er die Laute auch nur mit dem Mund gemacht. Bei der Rückfahrt habe ich
ihn dann gefragt, was denn das für Geräusche wären. Er hat mir dann allerlei Erklärung
gegeben, das meiste weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich, dass ein
großer Teil der Laute Vogelstimmen entsprachen. Es war aber auch Präziseres
dabei: Stimmen von Vögeln, die sich verletzt hatten, Vögeln die um Hilfe
suchten, Junge die die Eltern aufsuchten, usw. Alles nicht sehr erfreulich oder
angenehm, alles weder kultiviert noch fein, rein, edel, vornehm oder erhaben,
aber kann man anderes von einem Jäger erwarten?
Tatsache ist, dass das Stratagem funktionierte. Es erschienen allerlei
Tiere, meistens große Vögel wie z.B. der Nandu oder Jabiru, aber ich erinnere
mich auch an einem Maikong oder Savannenfuchs. Sie kamen ganz in der nähe des
Wagens, fünf bis sechs Metern entfernt. Wie war so etwas möglich? Wir waren
doch Feinde, fünf Feinde in einem Panzerwagen, allerlei Geräusche hatten wir
gemacht, Benzingestank war auch dabei, Ausdünstungen wurden durch unsere
Anwesenheit verbreitet, Menschen sind sicherlich nicht besonders gut-riechende
Tiere, und doch, trotz all diesen Hindernissen, näherten sie uns, nur wegen der
Sprache? Wie stark wirkt so ein Magnet, oder besser, die Sprache wirkt wie ein
Magnet, man kann dadurch allmögliche Distanzen überwinden. Wie soll man so
etwas auswerten? Ist es gut, oder ist es schlecht?
Die Antwort dieser Fragen überlasse ich dem Leser. Ich mache es mir bequem
und kehre zu meiner Papageien Geschichte
zurück. Wie ich bereits gesagt habe, handelt es sich um besonders intelligente
Tiere, und in der Wikipedia lese ich, dass ihre Intelligenz die der Affen
entspricht. Diese besteht zum großen Teil aus Verbindungen. Indem ich versuchte
die Geräusche nachzumachen, entstand so etwas zwischen uns, und dies wurde auch
von den Tieren erkannt. Da ich aber die Laute nicht ganz genau nachmachen konnte,
gab es zusätzlich eine Variante, die das Reichtum der Beziehung hervorhebt: gleich
sein in der Verschiedenheit, Zusammenschlüsse trotz Streuung, Anschluss trotz
Spaltung.
Neugier, Wissen und Verbindung, ich glaube sagen zu können, dass das
Papageienpaar das Erlebnis genoss. Auch ich genoss es. Was den Genuss zerstörte
war meine Ungeduld. Mir war das Zusammenwirken zu wenig, zu abstrakt. Ich
wollte mehr. Ich konnte mein Eifer nicht zügeln und ich näherte mich. Sie
flogen dann weg.