Guimarães Rosa ist, meiner Meinung nach, der größte brasilianische Schriftsteller, und auch sonst, und überhaupt, nur ganz selten habe ich ein Buch mit solcher Begeisterung gelesen.
Natürlich hatte ich schon früher Arbeiten von Guimarães Rosa gelesen, und natürlich hatte ich auch damals diese Begeisterung für ihn empfunden. Grande Sertão: Veredas, sein Hauptwerk, gelesen 1972, ist ein Meisterwerk und auch No Urubuquaquá, no Pinhém, gelesen 1987, Teil von Corpo de Baile (dt. Corps de Ballet, Romanzyklus) ist ein außergewöhnliches Werk. Aber Tutaméia habe ich nach der ersten Hälfte beiseitegelegt, denn ich hatte es satt verschlüsselte Codes zu entziffern.
Guimarães Rosa ist ein schwieriger Schriftsteller. Nicht nur viele Worte wurden von ihm erfunden, sind Archaismen oder Regionalismen, Lautmalerei, die nicht mehr oder niemals in dem allgemeinen Sprachgebrauch sind/waren, sondern auch die Ausdrucksform ist immer sehr persönlich. Obwohl sich alles sehr volkstümlich anhört, zweifle ich sehr, dass jemals jemand so gesprochen hat. Gedanken werden immer konkret durch Bilder ausgesprochen, und die Figuren sind meistens Tiere, Pflanzen, Landschaften und Menschen, in dieser Ordnung. Das Problem ist diese Bilder auch richtig zu erkennen und ihre Bedeutung auch richtig zu verstehen. Rosa hat von ihm selber gesagt: Ich bin kein Romancier, ich bin ein Erzähler kritischer Märchen.
Nichts aber ist umsonst. Die Geschichten sind Parabeln oder Fabeln, sind Stimmen einer Musik, die den Sertão, das unendliche Weite Hochland im Inneren Brasiliens, wiederspiegelt, spezifischer, das innere des nordwestlichen Teils des Staates Minas Gerais. Ich bin viel in Brasilien gereist, und würde dieses Milieu etwas erweitern, und das ganze Landesinnere des Nordosten Brasiliens miteinschließen. Bedenken muss man aber, dass sich alles in der ersten Hälfte des XX Jahrhunderts abspielt. Heute, in den kleinen Städten des Inneren Brasiliens sitzen die Meisten in Kneipen, und glotzen den Fernseher oder ihre Handys, wie überall.
Guimarães Rosa ist unübersetzbar. Ja, aber … was hat es dann für einen Sinn, eine Rezension über ihn in einen deutschen Leseforum zu posten? Das ist eine gute Frage, und um sie zu beantworten habe ich mein Fahrrad genommen, und bin bis zum hiesigen Goethe Institut geradelt. Vergebens! Sie hätten keine Übersetzung brasilianischer Werke. Ihre Priorität wären deutsche Schriftsteller. Verständlich, obwohl… Da viele Deutschlernende die Übersetzer-Laufbahn anstreben, könnte es interessant sein, deutsche Übersetzungen schwieriger Werke zu haben. Außerdem gibt es ja hier in Rio eine deutsche Kolonie, die wahrscheinlich nicht sehr gut portugiesisch spricht und liest, und die, sollte sie überhaupt an Guimarães Rosa interessiert sein, eine deutsche Übersetzung gerne zur Verfügung hätte.
Die Dame vom Goethe-Institut war aber hilfsbereit, wir haben die Übersetzung in der Staatsbibliothek Berlin gefunden, und ich habe mir, natürlich gegen Bezahlung, eine Kopie von einer Geschichte bestellt. Nochmals vergebens! Sie würden keine digitale Kopie liefern, wegen der Urheberrechte. Daraufhin habe ich die Suche aufgegeben. Versucht man den Zugang zu Kulturgegenstände zu erschweren, so ist das Ergebnis, dass der Zugang zu Kulturgegenstände erschwert wird, und ich sehe keinen Sinn mit den Kopf durch die Wand rennen zu wollen. [*]
Ich bin ein hartnäckiger Typ. Deswegen habe ich, trotz dem oben gesagten, die Suche nicht aufgegeben. Mein letzter Versuch galt der hiesigen Nationalbibliothek. Letzter Versuch, weil ich nie gedacht hätte, dass ich dort ein in Deutschland veröffentlichtes Buch finden würde. Wieder verkehrt geschätzt! Dort habe ich die Übersetzung endlich gefunden. Es handelt sich aber um eine Präsenzbibliothek, man kann also die Bücher nur im Lesesaal besichtigen, und deswegen habe ich mich auf eine einzige Geschichte, die nach meiner Meinung leicht verständlichste, Meine Verwandten, beschränkt. Diesem Text nach zu beurteilen ist Curt Meyer-Clason das Unmöglich gelungen. Es handelt sich um eine freie Übersetzung, so wie sie sein soll, die etwas von dem Klima und die Atmosphäre des Sertãos wiedergibt. In meinen Händen war die Auflage von Kiepenheuer & Witsch, 1982, aber es gibt scheinbar auch eine Auflage vom Aufbau Verlag, 1984. Beide sind vergriffen.
Das Wort Sagarana wurde von Guimarães Rosas erfunden. Es besteht aus dem altisländischen Saga (Prosaerzählung) und aus dem Tupi (die Sprache der brasilianischen Ureinwohnern) Rana (ähnlich, gleich). Es ist also Prosaähnliche Poesie. Das Werk gleicht, meiner Meinung nach, einer symphonischen Dichtung von überragender Schönheit. Außer das Ästhetische spielen aber auch andere Aspekte eine wichtige Rolle.
Ich bin kein religiöser Mensch, d.h., ich habe meine eigene Religion. Auch glaube ich nicht an Gott, mindestens nicht das was man üblicherweise unter dem Wort, d.h., der Richtende, der Schaffende, versteht. Aber etwas Metaphysik gehört nun mal zum Leben, und das All, also die Summe von all dem was in der Welt sich bewegt, oder auch nicht bewegt, grenzt an Metaphysik. Versteht man also die Wirklichkeit als das Ganze, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit eingeschlossen, so grenzt Physik an Metaphysik und Holismus an Religion.
Das habe ich nur gesagt, um das, was folgt, sagen zu dürfen: Gott schreibt gerade auf krummen Linien und Volkes Stimme, Gottes Stimme (Vox populi, Vox Dei). Berücksichtigt man beide Sprüche zusammen, so erfolgt, dass auf langer Sicht, sieht man von all den Versehen, Missverständnisse und Täuschungen ab, das Volk doch letztendendes weiß was es will, und was für es das Beste sei. Es gibt ein Zitat von Abraham Lincoln, leicht verändert, das ähnliches ausdrückt: Man kann alle eine Zeit und einige die ganze Zeit lang täuschen; man kann aber nicht alle die ganze Zeit täuschen. Aus Guimarães Rosas Schriften geht eine gewisse Liebe zum Volk, eine Achtung und Bewunderung für den einfachen Mann aus. Trotz Irrtümer, Fehler und Missgriffe, trotz hin und her, besitzt der kleine Mann eine gewisse Lebensweisheit und kommt doch endlich auf den richtigen Weg. Amen!
Sagarana, Erscheinungsjahr 1946, besteht aus neun Kurzgeschichten, alle zwischen 20 bis 50 Seiten. Eine kurze Zusammenfassung folgt, aber ich will gleich warnen, dass ich hier nur den Inhalt wiedergeben kann, und dass bei Guimarães Rosa die Stimmung viel wichtiger als die Handlung ist. Wie bereits gesagt, ist Guimarães Rosa unübersetzbar und ich bin nicht imstande die Form in der die Gespräche ablaufen, die Beschreibung der Atmosphäre und der Landschaft wiederzugeben. Dazu muss man sich einen kleinen Esel kaufen und sehr suchen. Vielleicht findet man hier und da noch ein Gottverlassenes Dorf wo die Menschen so sprechen, leben und denken wie in Sagarana. Ich zweifele es.
O burrinho pedrês (Der kleine steingraue Esel) ist eine Parabel die besagt, dass auch der alte, kleine, hässliche sein Nutzen haben kann. Nicht immer siegt der schönere, bessere, stärkere. Ein Trupp von vaqueiros (Viehtreiber) überquert einen vom Regen überschwemmten Fluss, und nur der kleine Esel und sein Reiter überleben es.
A volta do marido pródigo (Biographische Skizze Lalino Salãthiels oder die Rückkehr des verlorenen Ehemanns) ist eine Fabel. Arbeit wurde bei Lalino Salãthiel nie großgeschrieben. Aber dafür konnte er sich unterhalten und überall erweckte er sofort Sympathien. Sogar die großen coronéis (Großgrundbesitzern) bedurften seiner Hilfe, um sich politisch durchzusetzen. Nicht einmal seine Frau Ritinha, die er verlassen hatte, konnte ihm wiederstehen. Er kehrte zu ihr zurück und sie nahm ihn liebevoll auf.
Sarapalha (Die Strohspinner) ist schon eine kompliziertere Geschichte. Sie handelt von Liebe in ein von Malaria überwältigtes Gebiet. Zwei Männer, zwei Vetter, schwer von Malaria überfallen, in ihren letzten Lebenstagen, erinnern sich an ihre Jugendliebe. Was aber Nummer eins nicht wusste, ist dass auch Nummer zwei dieselbe Frau liebte.
Duelo (Das Duell) ist eine Geschichte, die mir weniger gefällt. Rache und Vergeltung sind natürlich traditionelle Themen in lateinamerikanischen Ländern, und auch die Tatsache, dass beide am Ende sterben, ist nicht gerade sehr originell.
Der Mittelpunkt von Minha gente (Meine Verwandten) ist die Geschichte eines Paars. Obwohl er sie innigst liebte und obwohl er sich für sehr schlau hielt, ist es aber ihr gelungen, ihn mit ihrer größten Freundin zu verheiraten, nur um ihren Bräutigam zu bekommen.
Der Kern von São Marcos (Sankt Markus) und Corpo Fechado (Kugelsicher) sind Voodoo-ähnliche Vorgänge. Die zweite Geschichte ist ein langer Dialog zwischen den Ich-Erzähler und Manuel Fulô. Fulô kommt von Flor, Blume. Blumig war er vielleicht, denn er war zart und klein, ein Kindskopf. Er versuchte sich immer wichtig zu machen, protzte und spielte gerne den starken Mann. Der Mut war aber nicht groß genug, um den Raufbold des Dorfes, der nur die erste Nacht bei seiner Frau haben wollte, die Stirn zu bieten. Schwarze Magie war notwendig, um sein Leib zu schließen und den Körper dicht gegen die Kugeln zu machen. Ein kleines Messer genügte dann, um den Grobian zu erledigen.
Können Rinder sich unterhalten? Dies ist eine komplizierte Frage, die man besser gar nicht angehen sollte. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass in Fabeln die Tiere sprechen können. Das ist auch was in Conversa de Bois (Rindergespräch) geschieht.
Eine Karre gezogen von acht Ochsen, geladen mit Rapadura (Panela, brauner Zucker oder Melasse) und eine Leiche, wird geführt von einem Fuhrmann und einen kleinen Jungen der voran geht. Die Leiche ist die des Jungens Vaters, und die Fahrt führt zu dem Dorf, wo das Begräbnis stattfinden soll. Der Fuhrmann ist der Liebhaber der Mutter und der vermeintliche zukünftige Stiefvater des Jungens. Diese etwas turbulenten Verhältnisse werden sich während der Fahrt zuspitzen, und es wird eine zweite Leiche geben. Die Rinder sind Zuschauer und zugleich Akteure, und ihre Kommentare erlauben eine kritische Perspektive der Angelegenheit. Die Distanz der Tiere zu dem Menschen ist vielleicht gar nicht so anders als die der Götter. Ist es vielleicht deswegen, das in den primitiven Religionen die Götter öfters als Tiere dargestellt wurden?
A hora e vez de Augusto Matraga (Die Stunde und Umkehr des Augusto Matraga), die Sagarana abschließt, ist, nach Guimarães Rosas Vorwort, die Synthese der Geschichten des Buches. Sie umfasst drei Etappen Matragas Leben. Im ersten Moment ist Nhô Augusto (von Sinhô, Senhor, d.h. Herr) ein Bösewicht, wie es kaum einen schlimmeren geben kann. Die Frauen behandelt er schlechter als die Tiere, und mit seinen Leibwächtern verbreitet er Mord und Terror. Die Gewalt schlägt aber zurück, er verliert Land, Leute und Geld. Arm und alleine, geschlagen und geschunden, kehrt er zu Gott und zur Religion. Dies ist die zweite Etappe, in der Nhô Augusto eine mehr kontemplative und passive Rolle spielt. Aber auch das ist nicht befriedigend. Und diese Fabel, die eine Synthese der anderen sein soll, kommt zu einer Synthese von sich selbst. Die dritte Etappe, die zu Nhô Augustos Ende und Tod führt, und somit auch die Geschichte und das Buch beendet, besteht aus der Umkehr Matragas aus der passiven in einer aktiven Rolle, in der er Übel und Unheil bekämpft. Aus einen Frömmler wird ein Kämpfer.
Wie ich aber bereits gesagt habe, ist nicht die Pointe oder die Lehre, die man aus diesen Geschichten / Fabeln ziehen kann, das Wichtigste. Wichtig sind die Gespräche zwischen den Vaqueiros (Viehtreiber), wie sie denken, welche Bilder sie benutzen, von welchen Werten sie geführt werden. Die Bilder sind herrlich in ihrer Authentizität, Vitalität und Farbenpracht und bilden einen Gegenpol zu der grauen Welt der Maschinen in denen wir leider, leider heute leben.
Viehzucht ist noch heute eine wichtige Stütze brasilianischer Wirtschaft und sie ist noch heute meisten extensiv, d.h., enorme Ländereien werden benutzt um das Vieh zu füttern. Natürlich sitzt an der Spitze eines solches Unternehmens der Großgrundbesitzer. Damals hießen sie coronéis (Oberst, in Anspielung auf die militärische Macht). Heute tragen sie andere Namen, vielleicht sogar die Doktorehrenwürde. Die Methoden die sie benutzen, um ihre Macht durchzusetzen, sind aber im Grunde genommen noch genau die gleichen. Um das Vieh nach der Suche um Futter voranzutreiben, um auf die Tiere aufzupassen und sie zu behandeln benutzt man noch heute die Vaqueiros. Damals hat man sie auch benutzt um das Vieh von und zu den Marktplätzen zu führen. Heute gibt es natürlich LKWs.
Nicht alles ist schön. Natürlich spielt immer Machismo, Ehre, Aberglauben, Rache, Vergeltung und Hass eine wichtige Rolle, um aber Spaß daran zu haben, muss man von einiges absehen und denken, dass sich alles sehr weit entfernt und vor langer Zeit abspielte. Guimarães Rosa ist ein Ästhet, ein Dichter. Deswegen werden die größten Grobheiten vermieden. Es gibt sie aber. Daran sollte man auch denken.
[*] Bevor mir ein sehr schlauer kommt, und mir rät, ich hätte doch das Buch, gebraucht natürlich, bei Amazon, leicht und billig bekommen, will ich erklären, dass die letzte Erfahrung, die ich auf diesem Weg gemacht habe, traumatisch war. Nach vieler Korrespondenz, viel Ärger und viele Beschwerden brauchte das Werk, dass ich damals bestellt hatte, ein Jahr um mich hier in Rio zu erreichen. Scheinbar lieben Zollbehörde Bücher allzu sehr, um sich von Ihnen trennen zu können.