Aufbau Verlag, 2010
Wie gerne hätte ich dieses Buch hochgepriesen, denn endlich mal ein Buch über die Arbeiterklasse, endlich mal ein Buch wo der einfache, normale Mensch den Kern besetzt. Dittes Leben, von der Geburt bis zum Tod ist eine langer Leidensweg, ohne großen Höhen und Tiefen. Es geht ständig abwärts mit ihr, aber ohne steile Abhänge.
Ich will nicht sagen, dass ein Roman einen Helden braucht. Ich will nicht einmal sagen, dass ein Roman eine Figur, die man bewundert, enthalten muss. Aber die Bewunderung ist nun mal Bestandteil der Kunst, ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass sie ein wesentlicher Bestandteil der Kunst ist. Geht man an einen Objekt an der Straße vorbei, dann merkt man es womöglich gar nicht. Nimmt man aber dasselbe Objekt und tut es in ein Museum oder Galerie, so kann es bewundert werden, und wird dadurch zu Kunst gemacht.
Ditte ist ein Unglückswurm. Weder große Freuden, noch große Leiden, nicht einmal kleine Analysen. Sie ist sich all dessen gar nicht richtig bewusst, ihr Leben ist ein Schlamassel, sie verwandelt ihr Leben in einem Schlamassel, weil sie gar nicht anders kann, oder ist es weil sie gar nichts anderes will? Dies ist vielleicht etwas bösartig gesagt, vielleicht ist es nicht ganz wahr, aber etwas Wahrheit ist daran.
Nehmen wir z.B. Karl. Das ist vielleicht der einzige Mann in ihrem Leben, der sie wirklich lieb hat. Sie liebt ihn aber nicht, weil er schwach, weil er ein Frömmler ist. Trotzdem liebt er sie weiter. Er liebt sie so sehr, dass aus ihm ein Kämpfer wird. Umsonst. Ditte liebt ihn weiter nicht.
Nun, ich will Ditte nicht das Lieben lernen. Da würde ich mal wieder ein bisschen zu weit gehen. Aber etwas Initiative muss es geben, etwas Schöpferisches muss es bei jeder Liebe geben. Das Gestalterische fehlt Ditte völlig. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass das Gestalterische auch Nexö fehlt, aber hier gehe ich wirklich ein bisschen zu weit, denn Ditte Menschenkind ist das einzige Werk von ihm, dass ich kenne.
Tatsache ist aber das das Buch keinen Glanz hat, weder die Charakter, noch die Sprache, Form, Ideen, oder die benutzten Bilder. Es herrscht genau derselbe graue Ton vom Anfang bis zum Ende.
Ich habe oben gesagt, dass Ditte ihr Leben in ein Elend verwandelt, und dass sie gar nichts anderes will. Ich habe auch gesagt, dass dies ein wenig bösartig gemeint ist, weil es die miserablen Verhältnisse der Arbeiterklasse Ende des XIX-Jahrhunderts ignoriert. Aber etwas Wahrheit ist dabei. Da gibt es z.B. Dittes Kind, das sie Fremden überlässt, um das Leben in der Großstadt zu versuchen. Sie liebt aber Kinder so sehr, dass sie gar nicht ohne sie leben kann. Ständig ist sie von Kindern umgeben und betreut sie auch. Nur ihr eigenes konnte sie nicht versorgen. Oder wollte sie einfach nicht? Weil es auch Karls Kind war?
Etwas tiefer in diesen Angelegenheiten einzugehen, würde wahrscheinlich die psychologische Ebene angehen. Dies ist aber nicht Nexös Absicht. Er schreibt einen sozialen Roman. Aber auch die sozialen Verhältnisse, ihre Ursachen und Grundlagen, werden im Buch nicht näher untersucht. Weder psychologische Tiefe noch soziale Analyse, was bleibt denn dann?
Was mich am Buch auch gestört hat, ist das alles in die Länge gezogen wird. Die Beschreibung der unendlich vielen Vorgängen Dittes Leben sind lang und langwierig geschildert, alles geht viel zu viel in die Details, es wiederholen sich immer wieder die im Grunde gleichen Situationen. Ein Vergleich mit Falladas Kleiner Mann, was nun? soll dies besser hervorheben. Wie herrlich konzis, und deswegen scharf und treffend, werden dort ähnliche Verhältnisse gebracht!
Ich will nicht sagen dass das Buch schlecht ist. Es ist gut geschrieben, die Charakter sind glaubwürdig, es gibt eine gewisse Spannung und es lässt sich alles gut lesen. Wenn einer keine Ahnung von den Arbeitsverhältnisse Ende des XIX-Jahrhunderts und noch dazu viel Zeit hat, dann lohnt sich die Lektüre.
Einige zusätzliche Gedanken (Bemerkungen wo die Seitennummer angegeben ist, können, leicht verändert, im Buch gefunden werden; die anderen sind mir bei der Lektüre des Buches eingefallen).
· Mit realistischen Sozialismus hat das Buch nichts zu tun. Weder sind die Armen gut, noch sind die Reichen schlecht. Auch wird das Leben des einfachen Mannes nie glorifiziert. In Nexös Roman geht man differenzierter mit der Wirklichkeit um. Die Landarbeiter und die Fischer mit denen Ditte umgehen muss, sind weder solidarisch noch haben sie ein Mitgefühl füreinander. Und so mancher Privilegierter reicht ihr die Hand. Dies bekräftigt die Idee, dass in der DDR, wo Nexö hoch angesehen war, nicht nur sozialistischer Realismus, wie man so gerne sagt, gebracht wurde.
· Der Arme / Kleine hat keinen Ausweg. Auf dem Land ist das Leben aussichtslos, es herrschen Hunger und Armut. Man hat menschliche Wärme, aber diese ist immer mit Aberglauben, Vorurteile und Moral verbunden. Fährt man in die Großstadt, so gibt es die Illusion des Wohlstands, weil man Seite an Seite mit dem Wohlstand lebt. Man bleibt aber immer Abseits davon. Zweckrationalität erlaubt keine Gefühle, dafür hat man aber Anonymität. Aber … ist es schön keinen Namen zu haben und nur eine Nummer zu sein?
· Ditte ist ihres Elends eigner Schmied. Sie verpasst und verstößt die wenigen Möglichkeiten, die ihr das Leben bietet, weil sie zu sehr in Träumerei und Idealismus versunken ist. Für einen Menschen wie Ditte, der so praktisch veranlagt ist, klingt das eigentlich fremd.
· Ditte ist ein Idealist. Sie kann nicht verstehen, dass Arme andere Arme ausbeuten (S.609.)
· Ditte und Karl haben ein sadomasochistisches Verhältnis. Sie will ihm nicht um Hilfe bitten, und wie viele Male hat sie seine Hilfe abgelehnt? Auch Karl scheut sich ihr Hilfe zu bieten, weil er sich ihr nicht aufdrängen will. Obwohl beide sie brauchen, wird nicht einmal Hilfe zwischen ihnen erlaubt (S. 611).
· Dittes Fürsorge ist auf selbstzerstörische Weise unbegrenzt, ,wenn es um die Anliegen anderer geht, die sich nicht selbst versorgen können, sagt Tilman Spreckelsen im Nachwort (S. 725).
· Ditte … verweigert sich … jede Erforschung der Ursachen ihres Unglücks …. Wie vielerlei hatte Ditte schon durchgemacht, ohne allgemeine Schlussfolgerungen daraus zu ziehen! (Tilman Spreckelsen S. 726).
· Bei Ditte überwiegt immer das Karitative, das Mitgefühl und die Aufopferung. Sie nimmt immer mehr Leiden auf sich. Tilman Spreckelsen nennt es Solidarität (S 724). Ich würde es eher Masochismus nennen.
· Ditte ist die große Mutter. Auch ihre Geliebten sind nur Söhne (siehe S. 725). Liebe als Mutterliebe? Tilman Spreckelsen schreibt, dass Nexö gerne starke Frauen und schwache Männer zeichnet. Das müsste einiges erklären.
· Die tiefste Stufe des Elends ist, wenn man unter der Hilfe eines Gutgesinnten leidet, weil man es nicht ertragen kann geholfen zu werden, weil es ein Zeichen unseres Versagens ist. Ditte glaubt nicht mehr an sich, und sie kann nicht glauben, dass jemand an sie glaubt. Dies bringt den ganzen Glauben ins Schwanken (S. 565 uff., 568-9).
· Demokratie ist die Freiheit krepieren zu können. (S. 580)
· Manchmal hat man den Eindruck dass Ditte eine liebe, verständnisvolle, anerkennende, mitfühlende Herrschaft will. Gibt es denn so etwas? Gibt es anständige Herrschaften? Kann man anständig herrschen?
· Brecht, den ich so sehr ehre und liebe, hat dieses Buch öfters hervorgehoben. Auch Yvonne Pappenheim, die ich auch sehr liebe, hat dieses Bucht empfohlen. Umso mehr stört mich meine Kritik. Ich muss aber mir treu sein. Ist die Treue mir selbst, wichtiger als die Liebe anderer? Dies als Schlusswort, als Selbstkritik.