Montag, 21. April 2025

Rücken und Gesicht

 

Ich saß in einem Restaurant. Vorne rechts ein kleiner Tisch mit zwei Personen. Von ihm sah ich nur den Rücken. Von ihr nur das Gesicht. Aber unter der Tischplatte, zwei paar Beine.

 

Er war dunkelhäutig, muskulös; hatte den Nacken eines Stiers; Arme und Schultern, aus einen ausgeschnittenes T-Shirt auftauchend, eines Boxers. Bei jeder Bewegung ließ er, es war wahrscheinlich nicht absichtlich gemeint, die Muskeln spielen.

 

Sie war weiß und nicht besonders schön. Ihr Mund war klein und zierlich, zu klein und zu zierlich um begehrenswert zu sein. An der Seite des Gesichts fielen die Haare in kleinen Strähnen, die Wangen schmückend. Die Strähnen waren zu künstlich angelegt um überzeugend zu wirken. Der Spiegel musste da seinen Einfluss gehabt haben.

 

Wie zu erwarten, waren seine Beine stark, aber wider Erwarten waren auch ihre Beine, im Kontrast zu ihrem zierlichen Gesicht, erstaunlich muskulös. Von der Sonne braun gebrannt, breit und kräftig, erschienen sie aus sehr kurzen Shorts. Viel hätte ich gegeben um sie langgestreckt zu sehen, aber nein, sie blieb sitzen.

 

Ich verstand nur das eine oder andere Wort. Sie sprachen Portugiesisch, aber sie hatte einen leicht englisches Akzent. Ich suchte nach ihrem Mund und ihren Augen. Ich suchte nach Zügen die mein voreingenommenes Bild bekräftigen sollten. Ich suchte ein unangebrachter Mundwinkel, ein unpassendes Zwinkern der Äuge, ein zu harter Gesichtsausdruck, ein zu schmeichelhaftes Lächeln, eine zu weiche Negation und eine zu starke Affirmation. Ich konnte nichts finden. Keine eingefrorene Grimasse, kein steifes Grinsen, kein Spott, keine Verachtung und keine Überheblichkeit. Tief enttäuscht musste ich erleichtert aufatmen.

 

Sonntag, 13. April 2025

Liebe deinesgleichen

 

 

Ich will nicht prahlen und Selbstlob ist nicht schön, aber ich tue es nur wegen der Geschichte. Ich bin ziemlich musikalisch. So kommt es, dass ich Tierlaute gut nachmachen kann, und ich habe schon einiges über Freundschaften und sogar einen Liebesfall erzählt, der nur zustande gekommen ist, weil ich die Vogelstimmen so gut nachmachen kann. Hier wird aber leider, leider von Liebe und Freundschaft nicht viel die Rede sein. 

 

Ich war bei Freunden zu Besuch. Sie wohnen in einem Haus mit einem schönen Garten. Aus Langeweile, oder weil es zu dem Garten gut passt, oder vielleicht sogar wegen den Eiern, halten sie dort ein paar Hühner und einen Hahn. Bei meinem Besuch spazierte der Hahn protzig durch das Gelände, keine Zweifel zulassend, dass er dort das letzte Wort hatte. Als ich den Garten betrat, kam er gleich zu sehen, wer denn der Eindringling sei. Ich war aber auf Liebe und Frieden gestimmt und deswegen fing ich gleich an ihm Proben meiner Gesangkunst anzubieten.

 

Er guckte mich neugierig von der einen Seite und dann von der anderen Seite an, drehte ruckartig den Kopf in mehreren Richtungen, und untersuchte mich nachdenklich: Wer zum Teufel ist denn dieser komischer Vogel? Was sucht er hier? Diese Laute, sind sie nur zum Schein, sind sie Verhöhnung, eine Warnung oder handelt es sich hier um einen Kriegsschrei? Und weil Vorsicht besser als Nachsicht ist, schwang er heftig die Flügel, streckte den Hals vor, öffnete den Schabel und flog auf mich zu.

 

Ich war auf Liebe und Frieden gestimmt, aber etwas Vorsicht war auch dabei. Schließlich handelte es sich um einen Fremden und niemand hatte uns vorgestellt. Dies kann wahrscheinlich erklären, warum ich der Attacke entkommen konnte. Auch das Schwingen der Flügel stand nicht in meinem Friedensplan, nahm einige Zeit in Anspruch, sodass ich meinen Rückzug planen konnte. Jedenfalls von da an, konnte ich nur mit einem Stock im Garten spazieren gehen, und der Stock musste groß genug sein, um den Hahn weit fern von mir zu halten.

 

Der Ausgang dieser Geschichte ist nicht sehr würdevoll. Der Hahn endete seine Karriere auf dem Schlachthof, wie üblich. Außer mir bedrohte er noch andere, und als die Reihenfolge an das Enkelkind meiner Freunde kam, war die Grenze der Duldsamkeit erreicht. Ich, meinerseits, brauchte keine so strenge Lehre. Ich habe meine Schlüsse selbst gezogen. Ich passe jetzt mehr auf meine Annäherungsversuche auf. Liebe deinesgleichen und lass die Vögel in ruh, ist vernünftiger.