Kritik eines Kritikers aus der Perspektive eines Aussenseiters – Ein Funke Liebe
Ich war verblüfft als ich das Buch Mein Leben von Reich-Ranicki las. Zugegeben, es ist gut geschrieben: kurz und bündig, direkt, offen, klar, deutlich und ohne die gelehrte Fachsprache die so vielen Schaden der deutschen Kultur bereitet und bereitet hat. Auskunft ist enthalten und auch Spannung ist dabei, obwohl im vierten und fünften Teil, nach der deutschen Wiederkehr, Geschichte durch Geschichten ersetzt wird. Wie aber ist es möglich dass einer der vom Führer und seine ganze Maschinerie verfolgt wurde, selber zum Führer (deutscher Literatur) wird und werden will? Nun, Führer ist vielleicht etwas zu krass ausgedrückt aber als Literatur-Papst wird er doch allgemein anerkannt und ein Führer (Kanon, also, Leitfaden) in dem Reich der deutschen Literatur hat er doch veröffentlicht? Wie ist dies alles zu verstehen? Ist es nur Ironie des Lebens oder ein Zeichen dafür das, im Verlauf der Jahrzehnte, sich doch nicht so viel in Deutschland verändert hat?
Aus der Sicht eines Aussenseiters, ich schreibe nämlich aus Brasilien, ist es unverständlich dass einer eine Liste lesenswerter Werke aufstellt und noch dazu rechtfertigt indem er sagt dass die Alternative das Chaos und die Barbarei wären . Dass man innerhalb einer Arbeit über Literatur, eine Liste seiner persönlichen Präferenzen entwirft, dagegen kann niemand etwas sagen und es kann sogar nützlich sein für diejenigen die sich mit dem Autor identifizieren. Aber aus dem Spiegel Interview geht doch ganz klar hervor dass Reich-Ranicki über dem persönlichen, ein Anspruch auf etwas absolutes, normatives erhebt. Wie soll man sonst die Bemerkung Kanon oder Barbarei verstehen? Der Kanon soll Schülern, Lehrern, und alle an Literatur Interessierten die richtige Auswahl der Werke ermöglichen, er soll Ordnung in die wachsende Bücherflut bringen. Ist Ordnung der Gegensatz zur Barbarei oder ist es nicht genau umgekehrt, das Barbarei die totale Ordnung ist? Gut und Böse, lesenswert und nicht, dass ist doch die gröbste Vereinfachung. Wird denn der deutschen Literatur mit solcher rohen Schwarzweissmalerei geholfen?
Im Buch Mein Leben ist ständig die Rede von der Liebe Reich-Ranickis zur deutschen Literatur . Nur, meine ich, wer liebt der spricht doch nicht so viel davon. Liebe beweist man in Handlungen. Und wie handelt Reich-Ranicki? Der obige Paragraph ist ein erstes Argument. Ich will aber noch einiges aus seinem Buch hervorheben welches nach meiner Meinung sehr wenig Liebe zur Literatur aufweist.
Land und Kultur, dazu zählt auch die Literatur, sind schwierig von einander zu trennen. Reich-Ranicki schreibt auf Seite 104: Sollte ich mit zwei Namen andeuten, was ich als Deutschtum in unserem Jahrhundert verstehe, dann antworte ich, ohne zu zögern (sic!): Deutschland - das sind in meinen Augen Adolf Hitler und Thomas Mann. Nach wie vor symbolisieren diese beiden Namen die beiden Seiten, die beiden Möglichkeiten des Deutschtums. Also wieder Manichäismus, auf der einen Seite das Gute und auf der anderen Seite das Böse Deutschland. Das Thomas Mann genau das Gegenspiel von Hitler ist, dass will mich nicht so richtig überzeugen, aber lassen wir das nun einmal. Ich denke aber an Brecht, der von Reich-Ranicki oft zitiert wird. Wo wäre der einzuordnen zwischen dem guten Mann und dem bösen Hitler?
Literatur das sind doch aber auch die Literaten, diejenige die die Werke schreiben und ohne die es ja nie Literatur gegeben hätte. Wie ist das Verhältnis von Reich-Ranicki zu den Literaten? Auf Seite 305 schreibt er: Ich habe noch nie einen Schriftsteller kennengelernt, der nicht eitel und nicht egozentrisch gewesen wäre – es sei denn, es war ein besonders schlechter Autor. Die einen tarnen ihre Eitelkeit und verbergen ihre Egozentrik, andere bekennen sich zu diesen Schwächen ostentativ, mit Humor und ohne Pardon . Und tatsächlich klagt Reich-Ranicki immer wieder von der Eitelkeit und Egozentrik der Schriftsteller mit denen er, durch seinen Beruf, in Verbindung gekommen ist . Nun, Eitelkeit muss doch nicht unbedingt stören, wenn etwas dahinter steckt. Wenn es dahinter nur Leere gibt dann ist doch diese das Problem und nicht die Eitelkeit. Das einer stolz ist auf das was er geleistet hat, dass müsste doch normal sein. Eitelkeit sollte eigentlich nur diejenigen stören die selber eitel sind, denn dann blendet das Licht der anderen zu sehr und lässt das eigene Licht nicht gelten.
Als Reich-Ranicki mit Seghers über Das siebte Kreuz spricht zieht er gleich den Schluss dass die meisten Schriftsteller von der Literatur nicht mehr verstehen als die Vögel von der Ornithologie und dass sie am wenigsten ihre eigenen Werke zu beurteilen imstande sind . Wieder die Vereinfachung, wieder die Verallgemeinerung, die endgültige, definitive, verbindliche, absolute. Er verkennt doch das wesentliche an dem Arbeitsprozess eines Künstlers: das er imstande ist das Werk von innen (die Perspektive des Machens, Schreibens) sowie von aussen (die Perspektive des Empfangens, Lesens) zu betrachten. Es wird kaum ein Schriftsteller geben der nicht sein Werk auch liest, also beurteilt, und dann, auf Grund der Beurteilung, kleinere oder grössere Änderungen in den Text einfügt.
Um nochmals auf das Treffen von Seghers mit Reich-Ranicki zurückzukommen: und wenn es an diesem Tage der Seghers nicht recht wohl war und sie deshalb nicht viel über das Buch sprechen wollte? Und wenn das Buch für sie eine erledigte Angelegenheit war? Und wenn sie nicht genau wusste was sie mit der ganzen Besserwisserei Reich-Ranickis anfangen sollte und deswegen nur banales, nur hilflose Wendungen benutzte? Und, und, und…Da gibt es doch abertausende Möglichkeiten warum die Seghers nicht das sprach was Reich-Ranicki hören wollte. Dann gleich zu schliessen dass die würdige und liebenswerte Frau den Roman überhaupt nicht verstanden hat, das geht doch ein bisschen zu weit.
Was gibt es sonst noch zu beanstanden? Böll sei ein gutgesinnter Moralist und sollte lieber Satiren und Kurzgeschichten anstatt Romane schreiben. Auch Lenz ist ein Erzähler dessen Talent sich in Kurzgeschichten und Novellen zeigt. Er sei ein geborner Sprinter der sich in den Kopf gesetzt habe er müsse sich auch als Langstreckenläufer bewähren . Als Reich-Ranicki sich in Warschau mit Brecht, immerhin der Jahrhundertlyriker , trifft, dann wird er als einen hartnäckigen Geschäftsmann empfunden, der unbedingt seine Ware absetzen will . Dass einer der sich als Ziel die Veränderung der Welt mit Hilfe von Theater und Literatur gesetzt hat, diese auch abzusetzen benötigt, darüber wird geschwiegen. Nicht deshalb bemühte sich Brecht ein Leben lang um das Theater, weil es ihm um den Klassenkampf ging, wohl aber beschäftigte er sich immer wieder mit dem Klassenkampf, weil er ihn als Impuls und Thema für sein Werk benötigte . Der letzte Satz zeugt von einer Verkennung der Wechselseitigkeit von Ursache und Wirkung die seit Aristoteles und Plutarch bekannt ist. Die Henne oder das Ei was kam zuerst? das ist die populäre Version der Bemerkung von Reich-Ranicki. Bücher kann man vielleicht ordnen, mindestens versucht es Reich-Ranicki, aber Politik und Medien lassen sich schwierig abgrenzen, umso mehr, ordnen. Man kann die Medien benützen um Politik zu machen und gleichzeitig die Politik benützen um die Medien oder seine Rolle in den Medien zu verkräftigen. Beides ist wichtig. Was Vorrang hat oder was zuerst kommt, dass ist eine völlig überflüssige Fragestellung.
Überwiegend positiv ist eigentlich die Beurteilung von Wolfgang Koeppen obwohl er nur Genie in den Geschäftsstunden und noch dazu ein Autor war auf dem man sich nicht verlassen konnte. Fast alles was er, Reich-Ranicki, von ihm zu hören bekam wirkte ziemlich blass und farblos und er war von einer fatalen Willenschwäche und einer schwer zu bekämpfenden Neigung zur Trägheit und Lethargie . Aber doch stand er Reich-Ranicki nahe, weil er keine Heimat hatte und überall fremd war. Er lebte stets im Zeichen der Literatur, seine Liebe galt den Einzelgängern, den Nichtdazugehörenden, den Beleidigten, den Verfolgten und Gezeichneten . Eigenliebe ?
Reich-Ranicki gibt zu dass Thomas Mann ihn beeindruckt, beeinflusst und geprägt hat wie kein anderer Schriftstellers des XX Jahrhunderts . Nur, liesse es sich fragen nach dem Sinn der Details des sexuellen Lebens der Familie Mann . Reiz der pikant gewürzten Sosse, Freude am Klatsch oder doch nur der Versuch die Auflage des Buches zu verbessern? Oder sind die Einzelheiten über die Liebe der Manns auch als Liebe zur Literatur zu verstehen?
Literarische Begeisterung wird eigentlich nur für Max Frisch gezeigt. Ihm sei sehr viel zu verdanken, einige seiner Bücher seien aus seinen (Reich-Ranicki) Leben nicht mehr wegzudenken und wie kein anderer hat er unsere Mentalität durchschaut und erkannt . Aber in dem Kapitel über Max Frisch beklagt sich Reich-Ranicki dass das Verhältnis eines Autors zu einem Kritiker nahezu immer von einem einzigen Umstand – davon nämlich, wie der Kritiker diesen Autor bewertet hat, zumal (darauf kommt es besonders an) dessen bislang letztes Buch, abhängt . Was ist auch anderes zu erwarten wenn einer soviel Macht an sich reisst dass er mit der Kritik die Höhe der Auflage des Buches bestimmen kann?
Nein, das Buch zeugt von sehr wenig Liebe. Wenig Liebe zur Literatur und wenig Liebe zu dem Menschen überhaupt was ja dasselbe ist, denn die Literatur widerspiegelt doch den Menschen (oder sollte es tun). Um was geht es in der Literatur? Darüber wird in Mein Leben wenig gesagt. Im bereits genannten Spiegel Interview erwähnt Reich-Ranicki dass die Literatur dem Menschen Freude, Vergnügen, Spass und sogar Glück bereiten soll . Also, Unterhaltung? Nur Unterhaltung? Ist hier die Rolle der Literatur nicht ein wenig unterschätzt?
Obwohl Reich-Ranicki nicht viel zum Ziel der Literatur sagt, werden auf S. 533-4 Kommentare gemacht über das was die Literatur nicht ist oder besser nicht sein soll: Habe ich je gehofft, man könne mit der Literatur die Menschen erziehen, die Welt verändern? Im nächsten Paragraphen antwortet er die Frage mit: einer Feststellung, wer die Literaturgeschichte wenigstens in groben Umrissen kennt, ist für solche Illusionen nicht anfällig; eine Frage, haben die Tragödien und Historien Shakespeares auch einen einzigen Mord verhindert?; und eine Referenz, in unzähligen Länder haben Millionen von Zuschauern Bertolt Brechts Stücke gesehen. Dass aber einer dadurch seine politischen Ansichten geändert oder auch nur einer Prüfung unterzogen hätte, hat Max Frisch bezweifelt . Im nächsten Paragraphen gibt aber Reich-Ranicki selber zu dass obwohl die Schriftsteller nichts ändern können, sie Änderungen anstreben sollen – um der Qualität ihrer Arbeiten willen . Soll also Nonsens die Literatur bewegen? Wenn man mit Literatur nichts ändern kann aber trotzdem, als Schriftsteller, eine Änderung (der Welt) anstreben soll (um der Qualität der Arbeiten willen) dann führt man doch seine Tätigkeit ad absurdum?
Wenn Literatur nicht die Welt verändern kann, was kann dann die Welt verändern? Ich denke z.B. an Religion und Philosophie um nur die eklatantesten Argumente zu benutzen. Kann jemand, im Besitz eines gesunden Menschenverstandes, die Rolle der Philosophie und Religion an der Veränderung der Welt bestreiten? Und gehören nicht viele Werke der Religion und Philosophie auch der Literatur? Ich denke z.B. an Martin Luther und Friederich Nietzsche, beide in Reich-Ranickis Kanons empfohlen. Ich denke auch an Theodor Adorno der in Mein Leben sehr gerühmt wird. Dass natürlich nicht nur die Literatur an der Veränderung der Welt Teil nimmt, das auch andere Kräfte, wirtschaftliche z.B., daran mitwirken, das scheint Reich-Ranicki übersehen zu wollen. Nur so kann ich, gutgesinnt, die Bemerkung über Brecht verstehen.
Dass Reich-Ranicki nicht die Literatur, die die Welt verändern kann, bevorzugt, dass ist klar und geht ganz deutlich aus dem Buch hervor. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden wenn es innerhalb dieser (seiner) Grenzen bleiben würde. Es geht aber auch klar hervor dass Reich-Raniki sein Ich, seine Ansichten, seine Perspektive mit der Literatur gleichzusetzen versucht . Dagegen ist sehr viel einzuwenden.
Reich-Ranicki bestreitet auch die erzieherische Rolle der Literatur. Er sagt z.B. auf S. 533-4: an eine nennenswerte pädagogische Funktion der Literatur habe ich nie ernsthaft gedacht. Auf derselben Seite sagt er aber: ich wollte, wie jeder Kritiker, erziehen, doch nicht etwa die Schriftsteller…Ich hatte vielmehr das Publikum im Auge, die Leser. Wie ist dies zu verstehen? Kritik soll erziehen, Literatur nicht. Vielleicht sollte in der Literatur die erzieherische Rolle völlig den Kritikern überlassen werden. Die Literatur bräuchte man dann gar nicht mehr dazu!
Die Literatur, wie jede Kunst, muss dem Menschen etwas sagen. Was sie sagen soll das hängt von den Erwartungen ab. Die einen wollen tatsächlich Unterhaltung. Dann ist eben für diese Menschen Literatur nur Unterhaltung. Die anderen wollen Auskunft, Kenntnisse. Dann muss die Literatur für diese Menschen diese Aufgabe erfüllen. Die einen bevorzugen den Verstand, die anderen die Gefühle, für einige ist Phantasie das Wichtige, für die anderen die Sprache. Das Spiegel Interview zeigt dass zwei Menschen die sicherlich alle beide viel von Literatur verstehen, verschieden Prioritäten setzen können und imstande sind verschiedene Kanons aufzustellen. Das Absolute gibt es nicht. Um einen von Reich-Ranicki öfters erwähnten Begriff zu benutzen: es ist weltfremd. Welthaltig ist dann nur noch der Thron aus dem gerichtet und die absoluten Urteile ausgesprochen werden. Das ist doch auch der Sinn der ganzen Sache, oder wie?
Ich muss zugeben dass ich diesen Text mit dem letzten Paragraphen abgeschlossen hatte noch vor der Lektüre der letzten Seiten des Buches. Und dann kam es Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir beide beieinander sein. Es erinnert mich ein bisschen an das letzte Kapitel von David Copperfield von Dickens. Dies ändert aber nichts an der Tatsache dass hier tatsächlich Schönheit herrscht und auch ein Funke Liebe. Daraufhin habe ich den Titel dieses Aufsatzes entsprechend verändert.
Claudio Thomas Bornstein
Rio de Janeiro, Brasilien
Donnerstag, 21. Juni 2012
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