Samstag, 31. März 2018

Benjamin versus Kästner oder die Linke und das Linkische




Dieser Text bezieht sich auf Walter Benjamins Kritik „Linke Melancholie: Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch“ (siehe http://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/105). Es wird hier die linke Kritik Benjamins des linken (etwas linkischen) Kästners, von der linken Perspektive analysiert.

Dass der Kästnersche Pessimismus etwas mit dem Ende der Weimarer Republik zu tun hat, das glaube ich schon (er war ein typisches Produkt dieser Zeit) obwohl…Kästner war schon ein Pessimist lange vor und ist einer geblieben lange nach den Ereignissen die der Weimarer Republik ein Ende gesetzt haben (ich glaube Kästner ist in der Mitte der 70er Jahre in München gestorben). Ich bin kein grosser Kenner der Kästnerschen Biographie aber da war der Alkohol, die Beziehung zu seiner Mutter und auch in der Liebe (gibt es da nicht Zusammenhänge?) hat er, glaube ich, nicht viel Glück gehabt. Das Gedicht Sachliche Romanze deutet schon auf so etwas hin. Ja ich weiss, man sollte nicht Mensch und Werk vermischen, aber trotzdem, etwas von dem Menschen rutscht immer mit hinein.

Nun zu Benjamins Kritik an Kästner. Um es kurz und bündig zu machen (mitberücksichtigend der Gefahr der Vereinfachung und der leichten, hoffe ich, Entstellung) und wenn ich es richtig verstanden habe (Benjamins Sprache ist eckig und kantig voll von verschraubten Sätzen und seine Bilder sind künstlich und fremd, ganz im Gegensatz zu Kästner) so wirft Benjamin Kästner das Kleinbürgertum vor, aus Kunst nur noch Amüsement machen zu wollen. Links sein wäre dann doch nur noch Zeitvertreib und Kultur nur Ware. Kästners allzu feine Ironie diene nicht der Aktion, d.h. beabsichtige nicht die revolutionäre Weltveränderung. Seine linke Melancholie würde nur zu Defätismus und Fatalismus, also zu Immobilismus führen.

Ist es heute noch notwendig dieser Art von Kritik ein Gegenargument zu liefern? Die Geschichte hat doch gezeigt wo die Linientreue führt und was aus reinen Revolutionären wird. Je reiner die Linie, d.h., dogmatischer, je unreiner die Methoden die dann notwendig sind um in dieser ungereimten Welt sich mit seiner Reinheit (ich wollte fast sagen Gereimtheit) durchzusetzen.

Zusätzlich muss ich noch sagen dass wahrscheinlich Benjamins Kritik verstanden werden muss im Zusammenhang mit dem Kampf der verschiedenen linken Gruppierungen (hauptsächlich Kommunisten versus Sozialdemokraten) in der Weimarer Republik.

Es tut mir leid aber ich bin da ganz anderer Meinung. Die Welt zu verändern, ja, aber diese harte Arbeit einer kleinen Anzahl von Auserwählten, Aufgeklärten, mögen sie noch so rein sein, zu überlassen, das wissen wir jetzt, wo das hinführt. Das mit der Reinheit ist immer so eine Sache. Heute rein, morgen nicht mehr ganz so. Man muss da andere Wege gehen, andere Wege gehen können, neue Wege wagen. Breitere. Man muss undogmatisch, aufgeschlossen, aufnahmefähig und willig, empfänglich und tolerant sein. Es ist heute leicht so etwas zu sagen (also endlich etwas Positives an der Jetztzeit). Zu Zeiten Benjamins glaubte man mehr an den Vorzügen der Dogmatik. Dies soll seiner Entschuldigung dienen.

Nun zurück zu Kästners kleinbürgerliche Melancholie. Nehmen wir z.B. das oben erwähnte, anscheinend ganz unpolitische Gedicht: Sachliche Romanze. Unpolitisch? Das Gedicht handelt doch von Liebe, besser gesagt, die Kehrseite davon. Gibt es denn etwas Politischeres als die Liebe? Um was geht es denn eigentlich in der Politik, wenn man dabei die Liebe ausschliesst? Welcher ist dann der Sinn?

Ich bin kein Spezialist in neue Sachlichkeit, die Bewegung zu der Kästner gehörte, aber ich glaube dass im Kerne, die Idee war, dass Wirklichkeit politisch ist, dass man also Politik betreibt indem man die Wirklichkeit zeigt, so wie sie ist, ohne Verzierung und Verzerrung, ohne Illusionen, verstellende Romantik und Phantasie. Und das ist doch was Kästner in Sachliche Romanze macht. Einige können sich bei der Lektüre des Gedichts Gedanken machen. Einige können sogar versuchen etwas zu tun. Sie können versuchen ihre Liebesbeziehungen anders zu gestallten, sie können Gründe erforschen, den Problemen auf der Spur gehen. Bei anderen bekräftigt sich dabei nur der Nihilismus. So ist es! Die Vermittlerrolle (der Wirklichkeit) kann nicht als Aufgabe dem Künstler aufgezwungen werden. Überhaupt Aufgabe und Kunst sind Wörter die man mit sehr viel Vorsicht verbinden sollte.

Ein zweiter Gedanke, der wahrscheinlich nichts mit neue Sachlichkeit zu tun hat, ist die Sache mit der Ästhetik. Schönheit ist politisch, Schönheit ist revolutionär und Kästner ist schön. Die Formulierungen die Kästner benutzt sind elegant, die Sprache ist präzis und prägnant, die Offenheit und Einfachheit sind frappierend, der Humor ist pointiert, die Ironie ist fein, die Bilder sind brisant und die Verse tanzen in Takt und Rhythmus. Dies alles erhebt die Figur des Menschen, sowohl des Autors, als auch der Akteure und sogar der Leser, ist also revolutionär im Sinne eines Humanismus.

Und natürlich wird auch bei Kästner, Politik im engeren Sinne, gemacht. Nehmen wir z.B. Der Handstand auf der Loreley 1932 geschrieben, eine Kritik am Heldentum. In http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/index.php?id=626 wird bemerkt dass das Gedicht eine Parodie auf das SA-Lied „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“ ist, auf dessen Melodie es sich singen lässt.

Nachdem ich all dies gesagt habe muss ich doch einige relativierende Bemerkungen hinzufügen. Also erstens muss ich ganz ehrlich gestehen, dass nach langer Lektüre der Kästnerschen Gedichte ich etwas müde werde (dies trifft aber auch bei anderen Dichtern zu) wegen der melancholischen Eintönigkeit. Die Gedichte haben fast alle den gleichen tristen Tonfall und komischerweise habe ich die gleiche Empfindung wenn er selber vorträgt (Aufnahme natürlich).

Die zweite Bemerkung ist dass ich mich sträube seine Gedichte als Meisterwerke zu benennen. In diesem Sinn bin ich gezwungen Kritik an mir selbst auszuüben. Ich, als Kleinbürger, sehne mich immer nach etwas höheren, suche immer nach einem Meister. Kann es einfach nicht akzeptieren dass einer so wie ich, etwas Schönes macht. Dazu kommt natürlich noch Arroganz. Kästners Name ist immer mit dem Kabarett, also Kleinkunst, verbunden. Er selber sagte von sich selbst (Kurzgefasster Lebenslauf):

Ich setze mich gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.

Montag, 26. März 2018

Liebe und Erklärung


Liebe

Trancoso, gegründet 1586, war eine der ersten portugiesischen Siedlungen Brasiliens. Es liegt im Süden des Staates Bahia umgeben von schönen Stränden. Das Zentrum des Dorfes ist das Quadrado, ein grosser viereckiger Platz auf der Höhe eines Hügels von dem man einen herrlichen Blick auf das grosse weite Meer hat. Der Platz, an drei Seiten umrahmt von Bäumen und kleinen bunten Häusern, hat an der Meeres Seite eine schlichte Kirche mit massiven Mauern aus dem XVII Jahrhundert. Das Quadrado ist nichts Weiteres als ein Rasen wo früher einmal die Kühe, Pferde und Kälber weideten, und am späten Nachmittag, nach der Arbeit, die Männer des Dorfes Fussball spielten. Diese Zeit ist vorbei. Zwar blieb der Rasen, die Kirche und das Meer aber statt Kühe, Pferde und Kälber grasen heute dort die Touristen, statt Fussball, gibt es Kaffee mit Kuchen.

Zu meinen Vogelgeschichten gehört auch eine Liebesaffäre die sich in Trancoso abspielte. Alles fing an mit den Übungen, die ich jeden Tag in der Morgendämmerung, wenn die Sonne noch nicht sticht und noch etwas von der frischen Abendluft zu spüren ist, mache. Genau wie und wann weiss ich nicht mehr aber auf einmal merkte ich dass ich beobachtet wurde. Auf dem Geländer der Veranda sass ein kleiner grüner Papagei und schaute zu. Ich war etwas verlegen und verlor ein bisschen die Konzentration, aber so Sachen geschehen nun mal und man muss sich damit abfinden. Der Vogel sass dort lange Zeit und wir untersuchten uns seitlich und gegenseitlich. Wie ich dann später erfuhr, war es ein Weibchen, Ioio bei Name, gehörte dem Hotel, d.h., wurde verpflegt, war aber sonst frei, flog also im ganzen Garten herum und auch manchmal weiter, im Wald und in dem kleinen Dorf.

Die Szene wiederholte sich während der ganzen Zeit die ich in Trancoso verbrachte. Pünktlich, jeden Tag, erschien der Vogel, setzte sich auf dem Geländer und beobachtete mich aufmerksam. Nach der Überwindung der Spannung am ersten Tag, war ich sogar stolz und geehrt so viel Achtung und Zeit-Aufopferung mit meinen Nummern zu verdienen. Am Ende, erschien dann meistens meine Frau, um mich zum Kaffee zu rufen, und der Vogel flog weg.

Nicht nur bei den Übungen konnte ich mit Ioios Gesellschaft rechnen. Auch wenn ich im Garten oder im Wald alleine spazieren ging, erschien der Vogel, flog dann niedrig von Ast zu Ast und begleitete mich. Kam meine Frau dazu so verschwand der Papagei sofort.

Es war noch ein Detail das fast vergessen hätte. Meine Übungen beende ich mit einer Art Entspannung. Ich liege dann am Boden, die Augen geschlossen, einige Minuten lang. Als ich so in Ruhe versunken lag, spürte ich plötzlich eine Berührung. Es war Ioio, die mich mit dem Schnabel, oder war es der Fuss, sanft anstupste. Wie konnte ich dies vergessen? Wollte ich, in meiner Erinnerung, die Liebe nur platonisch?

Am Tag der Abfahrt nahmen wir einen Bus. Ich setzte mich ans Fenster und öffnete das Glas. Nach einigen Sekunden erschien Ioio und setzte sich auf einen Ast davor. Als der Bus dann abfuhr begleitete der Vogel das Fahrzeug eine Strecke lang. Dann verschwand er im Wald.


Und Erklärung

Kann man Liebe erklären? Haben die Sachen einen Schluss? Ja und Nein. Die Geschichten sind abgeschlossen, aber das Leben geht weiter und man kann immer etwas Weiteres dazu sagen. Z.B. ich hätte sehr viel Lust Ioios Liebe zu erklären, ich scheue mich aber davor. Wieso? Weil Liebe geliebt, gefühlt, aber erklärt werden? Dies gesagt, will ich mal versuchen die Liebe zu erklären.

Ioio war frei, aber nicht ganz. Sie wurde gefüttert. Ioio war Natur, aber nicht nur. Sie war umgeben von Menschen, von Kultur, hauptsächlich Unkultur. Berücksichtigen muss man noch, dass die meisten Papageien eine sehr starke Paarbindung haben, viele Sorten sind monogam und die Paarbindung kann das ganze Leben andauern. Also, der Partner ist scheinbar etwas Wichtiges.

Ioio war alleine, nicht schön. Sie war auf der Suche und ich war sicherlich nicht der Erste. Als ich so auf der Veranda, in der Morgendämmerung meine Übungen machte, dachte sie sich: „Der hat ein Spleen, dem fehlt etwas im Oberstübchen, der hat sicherlich einen Vogel!“. Nun, von dem Gedanke eines Vogels zu dem Vogel-Gedanke, d.h., dass es sich hier wirklich um einen Vogel handelte, ein etwas grosser, ein etwas alter, aber sie hatte ja nicht viel Auswahl, die richtigen Papageien kamen ja nicht in der Nähe des Hotels, war es nur ein kleiner Schritt.

Samstag, 3. März 2018

Wir sind Gefangene – Oskar Maria Graf – List Taschenbuch, 2013


Ja...

In fünfzehn Tage habe ich das Buch gelesen, dreissig Seiten pro Tag (im Durchschnitt). Spannend, fesselnd. Als der Rausch des Lesens vorüber war, als ich das Buch schloss, blieb mir ein bitterer Geschmack im Mund. Als ich versuchte diesen aufzuspüren erinnerte ich mich an das Buch Kleiner Mann, was nun? von Hans Fallada, das ich vor einigen Jahren gelesen habe und das mir damals sehr gefallen hat. Falladas Roman spielt in der Weimarer Republik und Grafs Autobiographie spielt in der Zeit  von 1905 bis 1919, also ungefähr zehn Jahre Unterschied. Ähnliche Zeiten. Schwierige Zeiten für die Arbeiterklasse. Die Helden beider Bücher sind sozusagen Versager. Beide Texte sind sachlich, schildern Tatsachen, Fakten, machen keine Analyse, keine tiefen Gedanken, keine Theorie, keine Verallgemeinerungen, keine Abstraktion. Es wird die Praxis geschildert, das tägliche Leben.

Fallada schildert die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse in der Weimarer Republik zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Pinneberg ist Büroangestellter, nachdem er entlassen wird kriegt er eine Stelle als Verkäufer in einen Herrenbekleidungsgeschäft. Seine Frau macht Näharbeiten. Es gibt Liebe, es gibt Freundschaft. Ich habe mich in Pinneberg und sein Lämmchen verliebt, ich habe mich in der Liebe der zwei verliebt, ich konnte sie fühlen, mitfühlen.

Wobei, was schildert eigentlich Graf? Die Schicksale eines Trottels, ein Vernarrter, ein völlig aus dem Gleichgewicht Geratener, der so unbeholfen liegt im Leben dass man nicht einmal Mitleid mit ihm empfinden kann. Wie kann einer so dumm sein und kauft Bücher auf Raten um sie dann sofort, für billiges Geld, im Antiquariat zu verkaufen? Natürlich bleibt er dann Monate versunken in Schulden und muss zu neuen Schiebereien zugreifen.

Er veräussert sein Erbteil von 2000 Mark und kriegt dafür nur 1400, weil er 300 an diejenigen die ihm das Geld vorschiessen und 300 an denjenigen der das Geschäft vermittelt, zu zahlen hat. Dann gibt er das ganze Geld in eleganter Kleidung aus, um den feinen Mann zu spielen. Und dann kommt alles ins Leihhaus um zu essen. Und 24 Jahr ist er schon, und gelebt und erlebt hat er einiges, musste also vom Leben etwas gelernt haben!

Aus Mitleid heiratet er dann Selma Igl und selbstverständlich zerbricht die Ehe nach kurzer Zeit. Oder er versucht ein Buch zu veröffentlichen, muss eine höhere Summe dem Verlag vorauszahlen die von den Geschwistern ausgeliehen wird. Selbstverständlich geht der Verlag pleite und das Geld verloren. Gibt es ein Wort der Dankbarkeit gegenüber den Geschwistern? Nein, nur Vorwürfe.

Übrigens, das Buch ist voll von Hass, Streit und Unliebe. Mit Max, der älteste Bruder, ein Grobian, der ihn ständig verprügelt, ist es selbstverständlich. Aber auch mit Maurus der ihm behilflich ist, gibt es Streit. Und auch mit der Schwester Theres die sich um ihn kümmert. Aber er verkracht sich auch mit seinen Freund Schorsch mit dem er nach der Schweiz reisst, er verkracht sich mit allen Anarchisten die er dort besucht. Später reisst er nach Berlin zu seinen Freund Jung. Auch mit ihm geriet er in Streitigkeiten, sowie mit Richard Öhring den er in Berlin kennen lernt. Zwischen Schweiz und Berlin arbeitet OMG in München bei einem Bäcker. Da geriet er in Streit mit den Gesellen und dem Lehrling, schlägt alles kurz und klein. Und das soll ein Pazifist sein? Soll einer werden? Wir sind Gefangene? Oder ist Graf ein Gefangener seiner Neurosen?

Da gibt es z.B. den Versuch eine Zeitung zu gründen (S. 281 ff.) der natürlich ins Wasser fällt, oder die Versammlung für den Pazifismus (S. 390-395), gerade während der Novemberrevolution. Mensch, du bist doch der reinste Gegenrevolutionär, sagt Grafs Freund Pegu. Ah!...Im Gegenteil! Es muss jetzt wieder anarchistisch gearbeitet werden. Nur mit dem Einzelnen...antwortet Graf. Selbstverständlich ist die Versammlung ein vollkommener Reinfall u.a. weil Graf vergisst seine Rede vorzubereiten und überhaupt kein Programm und kein klares Bild hat.

So etwas will Schriftsteller werden. Warum denn? Wegen des Ruhms, um gross und reich zu werden? Nur schnell zu Geld kommen, nur das zählt, und nur der Rausch der diesen Traum begleitet scheint ihn zu bewegen. Wozu? Wofür? Um seine Brüder und Schwestern zu imponieren? Was schreibt er? Alles. Gedichte, Aphorismen, Witze, Geschichten, Dramen, Kurzgeschichten.

Warum will er denn Anarchist werden? Weil sein Nachbar einer ist (S. 72 ff.). Dann frägt er die Polizei wo die Versammlung ist, wird natürlich festgenommen und gibt dann bei der Wache alles an.
Kurz vor einer Versammlung der Unabhängigen (USPD) denkt sich Graf: Das ist ja alles dummes Zeug, Friede, Brot und Freiheit!...Einfach losgehen und abrechnen mit allen, die dir jemals wehgetan haben im Leben...Nieder...Einfach alles nieder (S. 289-90). Ja, nun....Und?

Auf S. 385 gibt er ja selber zu: Komisch, bis jetzt war ich eigentlich immer nur überall mitgelaufen, schon dabei, aber doch als Aussenstehender, jetzt auf einmal wollte ich wirklich mitmachen. Programm hatte ich mir zwar noch keines zurechtgedacht, desto mehr jedoch schwirrten fixe Ideen tagtäglich durch meinen Kopf. Er gesteht auch ein, dass seine Anti-Kriegs, Anti-Staats Haltung nicht viel mehr als Erbe, Neurose ist. Ich muss zugeben, dass ich davon sehr viel geerbt habe: als dann Max seine Erziehung bei mir begann, gesellte sich zu dieser Abneigung noch der Hass. Ein unausrottbarer Hass. Und seit dieser Zeit konnte ich mit Dinge wie Vaterland, Militär, Soldaten, Krieg und Patriotismus mit dem besten Willen nicht mehr anders vorstellen als so, wie ich meinen Bruder in Erinnerung hatte (S. 306).

Grafs Autobiographie ist vollgestopft mit widerlichen Details einer widerlichen Existenz für die ich wirklich wenig übrig habe. Für was muss ich so etwas lesen? Weil das Leben voll ist mit solchen Idioten, weil es der Wirklichkeit entspricht?

Der Mensch ist ein ideologischer Wirrwarr. Tagsüber geht er zum Professor der ihm ein Stipendium bezahlt und zum Rote-Kreuz-Mann, alles Kriegsanhänger, und Abends geht er zur anarchistischen Versammlung und schreit: Den Befehl verweigern beim Militär! Einfach nicht mehr mitmachen! (S.291, siehe auch Teil II, Kapitel XII). Man sollte es seinen 24 Jahren zuschreiben. Aber 1958 (aus der Wikipedia, natürlich nicht im Buch enthalten) erscheint er im Cuvilliés Theater in München in kurzen Lederhosen um dem guten Münchner Bürger eine Lesung zu halten. Wem dient so etwas ausser um wieder einmal Aufmerksamkeit zu erregen, um wieder einmal den Hofnarr zu spielen? Als er 1933 seine Bücher auf der nationalsozialistische Liste der empfohlenen Literatur findet, veröffentlicht er den Protestbrief Verbrennt mich (Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren). Hat er sich mal gefragt warum seine Bücher auf der Liste standen?

Mehr ideologischer Irrgarten: Auf S. 386 verspottet er die Revolution, auf S. 439ff. spielt er dann den ganz radikalen und will die reaktionäre Presse einschüchtern. Auf S. 386-7 kriegt er wieder ein Macht-Rausch. Auf S. 390 soll Frieden in allen Schichten geschaffen werden, aber auf S. 395 hasst er jeden Mensch der Besitz und Geld hat, sucht sie aber ständig auf, lebt von ihnen, ist ein Schmarotzer (siehe z.B. S. 413-417). Ein Pazifist will er sein aber mit welcher Virulenz verspottet er den harmlosen, vernarrten Friedensapostel Gräser (S. 423). In Kapitel XIII und XIV (Teil II) ist Graf ein Revoluzzer. Ab S. 429 fängt wieder die Sauferei an. In Kapitel XV schreibt er ein Buch, ein jämmerliches, voller Klischees und Heldentum. Nach seinen eigenen Worten ein idealistischer Versuch in Versform nur um den Professor zu gefallen. Aber ab S. 337 ist er wieder Schieber, kauft und verkauft Delikatessen (Schleichhandel), hat wieder den Geldrausch.

Während der revolutionären Ereignisse in München schwankt Graf ständig zwischen der Sauferei bei seinen holländischen Freund, ein Millionär, bei dem er den Unterhalter, den Hofnarr spielt, die Gönnerin, eine reiche Mäzenin die ihn unterstützt und den revolutionären Versammlungen.

Ein Bäcker ist er, wie ein Bauer denkt er, ein Einzelgänger, immer misstrauisch, keinen glaubend. Keinen traut er etwas zu, keiner Linie ist er treu. Und ein Intellektueller will er sein. Ein Renommier-Proletarier wird er in den Münchner Salons damit auch mal die Talente des Volkes an der Reihe kommen (S. 383).

Es wird kaum etwas über den ersten Weltkrieg, dessen Motivationen, Umstände, usw. gesagt. Es wird auch kaum oder schlecht die Atmosphäre vermittelt in der so etwas zustande gekommen ist. Ein Krieg erweckt starke Gefühle aber nichts, ausser der üblichen Rauferei mit Kollegen und Vorgesetzten wird davon von Graf vermittelt. Auf einmal ist Graf in Russland. Wie kam er dazu? Über die Kämpfe an der russischen Front, Schmerzen, Leiden, Angst und Terror wird nichts berichtet. Nur der ganz persönliche Streit mit seinen Vorgesetzten. Er kommt mehrmals in Arrest und es gefällt ihm, anscheinend wergen der Ruhe und Pause in der Rauferei. Auf einmal, als er wieder mal Arrest kriegt macht er Hungerstreik (Teil I, Kapitel XVIII). Warum, wieso? Was hat ihm dazu motiviert? So etwas ist doch bekanntlich voll von Schwankungen und tiefen Empfindungen in körperlichen sowie auch in seelischer Hinsicht. Nichts. Keine psychologische Tiefe aber auch keine politische oder philosophische Tiefe. Auch die Sprache ist flach, unschön. Es hört sich alles mehr als Skizzen, Notizen an.

Er treibt es unmöglich und erregt lachen und Kopfschütteln; aber er gewinnt dabei unser Herz, soll Thomas Mann geschrieben haben. Lachen konnte ich nicht, nur grinsen. Und mein Herz das blieb meilenweit entfernt.


Aber....

Ich habe natürlich übertrieben. Die Schilderung Grafs entspricht nicht meiner Weltanschauung, das ist es. Der Held ist ein Hitzkopf, ein Draufgänger, einer der sich nicht beherrschen kann, der nur durch Wutausbrüche getrieben wird und das passt mir nicht, das passt nicht in mein idealisiertes Menschenbild.

Natürlich gibt es schöne Stellen. Teil II, Kapitel IX, wo der Tod seiner Schwester Emma geschildert wird, ist z.B. einer dieser Stellen. Im selben Teil, Kapitel XIII und XIV, bei der Festnahme Pegus wird sowohl die Festnahme als auch das Verhör, Ideen, Klima und Atmosphäre gut beschrieben. Auch verhält sich diesmal Graf ganz geschickt und kann seine Wutausbrüche beherrschen. Er wächst, wird reifer und auch das Buch wird reifer mit ihm. Ferner sind die Arbeitsverhältnisse am Anfang des XX. Jahrhunderts, Überstunden, das Tragen schwerer Last, Lärm und Staub, gefährliche Maschinen und wenig Schutz, Geldmangel, Schmutz und Feuchtigkeit, Glut und dann wieder schneidende Kälte (siehe Kapitel I und II, Teil II) lesenswert.

Aber das weit wichtigste im Buch ist die Beschreibung der Ereignisse nach dem ersten Weltkrieg, besonders die Novemberrevolution und die Münchner Räterepublik. Ich hatte das Buch von Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland, gelesen aber ich muss sagen dass die Ereignisse viel lebendiger und ich würde sogar sagen, echter, in Grafs Autobiographie geschildert werden. Das ideologische Chaos in Oskars Kopf, spiegelte sich auch in der Gesellschaft (oder ist es umgekehrt?). Mehrheits-SPD, Unabhängige (USPD), Kommunisten (KPD), Spartakisten, Anarchisten, Pazifisten um nur von den wichtigsten linken Tendenzen zu sprechen, alles durcheinander, kopfüber und fusswärts. Ständig schwankte die Macht zwischen den verschiedenen Linien, ständig neue Anordnungen die die alten widerlegten. Keiner wusste genau wie und, noch schlimmer, wohin. Dieser ideologische Wirrwarr wird von Graf magistral beschrieben. Nichts wird beschönigt weil man aus Geschichte ein Lehrbuch machen will. Sollte es eine wertneutrale Beschreibung der Ereignisse geben, so entspricht sie der Perspektive Grafs.

Meisterhaft kurz und treffend wird der pazifistische Kampf mit Hilfe des Generalstreiks (Rosa Luxemburg?) auf Seite 382 gebracht. Keine Gewaltanwendung. Einfach einen ganz radikalen Generalstreik. Wenn es nichts mehr gibt, dann gibt es auch keine Macht, dann braucht man keine Gewalt mehr, sagt Graf. Ja, ja, das stimmt schon, aber...so etwas muss von allen gemacht werden, antwortet ein Arbeiter der sich gerade mit ihm unterhält. Und beim schiessen, da machen alle mit? fragt Graf. Ja, da schon. Dann sind wir verloren, schliesst Graf.

Das ideologische Durcheinander, die Unschlüssigkeit, die Ziellosigkeit, der Vorwärts-Rückwärts Marsch der keinen Fortschritt ermöglichte und der dann endlich zu der Niederlage der Revolution beigetragen hat, wird meisterhaft beschrieben und sollte uns als Warnung für die Zeiten die noch kommen werden, dienen, denn, der Versuch neue Wege zu finden, die die Welt unbedingt nötig hat, darf nichts mit diesen Chaos gemeinsam haben. Man sollte daraus lernen und in dieser Hinsicht liefert das Buch ein wichtiges und aktuelles Dokument. (Also doch ein Lehrbuch, oder, ich habe eines daraus gemacht!) (siehe hauptsächlich, Teil II, Kapitel XVIII und XIX).

Die fehlende Theorie, das nicht imstande sein ein Programm zu entwickeln, eine Linie zu definieren, die in Oskars Kopf herrschte, war auch die fehlende Theorie der Führung der Revolution. Die fehlende Praxis, das nicht imstande sein klar zu unterscheiden zwischen nahe und ferne Zukunft, was jetzt schon möglich ist und was hinausgeschoben werden muss (aber nicht ins unendliche!!!!!), was richtig und was möglich ist, die Grafs Schritte ins Wanken führten, führten auch die Revolution ins Schwanken.

Das Buch ist ein wichtiges Bekenntnis für diejenigen die (noch) meinen dass das Chaos produktiv, das es ein Schmelztiegel neuer Ideen ist und dass daraus sich etwas Neues entwickeln kann. Es muss/wird daraus schon etwas werden meinen leider die meisten nur. Genügt diese Einstellung um dies zu garantieren? Muss/wird es dann auch wirklich?

Natürlich muss man berücksichtigen dass der erste Teil (weitaus der Schlechteste) schon 1920 beendet wurde, als Graf nur 26 Jahre alt war. Der zweite Teil wurde sechs Jahre später fertig. Scheinbar blieb aber die etwas trübe Sicht bis zum Ende, denn in einen Vorwort, 1965, für die Neuauflage des Buches, schreibt Graf: Ist der Schriftsteller nur da, um die höchste Sprachmeisterschaft zu erreichen, um mit subtilster Kenntnis der Psychologie irgendwelche Fälle des wirklichen Lebens verständlich zu machen und seine Leserschaft durch die Kunst seines Erzählertums zu faszinieren, oder besteht seine Aufgabe nicht vielmehr darin, mit seinen Schreiben das Unrecht auf der Welt, wo immer es sich auch zeigt, zu bekämpfen, die Menschen für soziale und moralische Einsichten empfänglich und für sich selbst verantwortlich zu machen, jeden Krieg als Verbrechen zu brandmarken, und auf die Gefahr hin, ein Leben lang verkannt und verdächtig zu werden, stets einer Gesellschaftsordnung das Wort zu reden, in welcher gleiches Recht für jeden gilt und Freiwilligkeit zur Einordnung in das Ganze schliesslich zur sittlichen Regel wird? Ob die Aufgabe der Literatur das Bekämpfen des Unrechts auf der Welt ist, darüber kann man sich streiten, aber ich habe nicht genau gesehen wo das Buch für ein gleiches Recht für jeden und Freiwilligkeit zu Einordnung in das Ganze eintritt.



Fazit

Das Buch ist sicherlich lesenswert. Noch dazu spannend, fesselnd. Der Mensch..., naja...man sollte Autor und Werk trennen können. Leider ist dies in diesen Fall schwierig.