Dieser Text bezieht sich auf Walter Benjamins Kritik „Linke
Melancholie: Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch“ (siehe http://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/105).
Es wird hier die linke Kritik Benjamins des linken (etwas linkischen) Kästners, von
der linken Perspektive analysiert.
Dass der
Kästnersche Pessimismus etwas mit dem Ende der Weimarer Republik zu tun hat, das
glaube ich schon (er war ein typisches Produkt dieser Zeit) obwohl…Kästner war
schon ein Pessimist lange vor und ist einer geblieben lange nach den Ereignissen
die der Weimarer Republik ein Ende gesetzt haben (ich glaube Kästner ist in der
Mitte der 70er Jahre in München gestorben). Ich bin kein grosser Kenner der
Kästnerschen Biographie aber da war der Alkohol, die Beziehung zu seiner Mutter
und auch in der Liebe (gibt es da nicht Zusammenhänge?) hat er, glaube ich, nicht
viel Glück gehabt. Das Gedicht Sachliche
Romanze deutet schon auf so etwas hin. Ja ich weiss, man sollte nicht
Mensch und Werk vermischen, aber trotzdem, etwas von dem Menschen rutscht immer
mit hinein.
Nun zu Benjamins
Kritik an Kästner. Um es kurz und bündig zu machen (mitberücksichtigend der
Gefahr der Vereinfachung und der leichten,
hoffe ich, Entstellung) und wenn ich
es richtig verstanden habe (Benjamins Sprache ist eckig und kantig voll von verschraubten Sätzen und seine Bilder
sind künstlich und fremd, ganz im Gegensatz zu Kästner) so wirft Benjamin
Kästner das Kleinbürgertum vor, aus
Kunst nur noch Amüsement machen zu wollen. Links
sein wäre dann doch nur noch Zeitvertreib und Kultur nur Ware. Kästners allzu feine Ironie diene nicht der Aktion,
d.h. beabsichtige nicht die revolutionäre Weltveränderung. Seine linke Melancholie würde nur zu
Defätismus und Fatalismus, also zu Immobilismus führen.
Ist es heute noch notwendig dieser Art von Kritik ein Gegenargument
zu liefern? Die Geschichte hat doch gezeigt wo die Linientreue führt und was aus reinen
Revolutionären wird. Je reiner
die Linie, d.h., dogmatischer, je unreiner
die Methoden die dann notwendig sind um in dieser ungereimten Welt sich mit seiner Reinheit (ich wollte fast sagen Gereimtheit)
durchzusetzen.
Zusätzlich muss ich
noch sagen dass wahrscheinlich Benjamins Kritik verstanden werden muss im Zusammenhang
mit dem Kampf der verschiedenen linken Gruppierungen
(hauptsächlich Kommunisten versus Sozialdemokraten)
in der Weimarer Republik.
Es tut mir leid
aber ich bin da ganz anderer Meinung. Die Welt zu verändern, ja, aber diese
harte Arbeit einer kleinen Anzahl von Auserwählten,
Aufgeklärten, mögen sie noch so rein sein, zu überlassen, das wissen wir
jetzt, wo das hinführt. Das mit der Reinheit ist immer so eine Sache. Heute rein, morgen nicht mehr ganz so. Man
muss da andere Wege gehen, andere Wege gehen können, neue Wege wagen. Breitere.
Man muss undogmatisch, aufgeschlossen, aufnahmefähig und willig, empfänglich
und tolerant sein. Es ist heute leicht
so etwas zu sagen (also endlich etwas Positives an der Jetztzeit). Zu Zeiten
Benjamins glaubte man mehr an den Vorzügen der Dogmatik. Dies soll seiner
Entschuldigung dienen.
Nun zurück zu
Kästners kleinbürgerliche Melancholie.
Nehmen wir z.B. das oben erwähnte, anscheinend ganz unpolitische Gedicht: Sachliche Romanze. Unpolitisch? Das
Gedicht handelt doch von Liebe, besser gesagt, die Kehrseite davon. Gibt es denn
etwas Politischeres als die Liebe? Um was geht es denn eigentlich in der Politik,
wenn man dabei die Liebe ausschliesst? Welcher ist dann der Sinn?
Ich bin kein
Spezialist in neue Sachlichkeit, die
Bewegung zu der Kästner gehörte, aber
ich glaube dass im Kerne, die Idee war, dass Wirklichkeit politisch ist, dass man
also Politik betreibt indem man die Wirklichkeit zeigt, so wie sie ist, ohne
Verzierung und Verzerrung, ohne Illusionen, verstellende Romantik und Phantasie.
Und das ist doch was Kästner in Sachliche
Romanze macht. Einige können sich bei der Lektüre des Gedichts Gedanken
machen. Einige können sogar versuchen etwas zu tun. Sie können versuchen ihre
Liebesbeziehungen anders zu gestallten, sie können Gründe erforschen, den
Problemen auf der Spur gehen. Bei anderen bekräftigt sich dabei nur der
Nihilismus. So ist es! Die Vermittlerrolle (der Wirklichkeit) kann nicht als Aufgabe dem Künstler aufgezwungen
werden. Überhaupt Aufgabe und Kunst sind Wörter die man mit sehr viel
Vorsicht verbinden sollte.
Ein zweiter
Gedanke, der wahrscheinlich nichts mit neue
Sachlichkeit zu tun hat, ist die Sache mit der Ästhetik. Schönheit ist
politisch, Schönheit ist revolutionär
und Kästner ist schön. Die
Formulierungen die Kästner benutzt sind elegant, die Sprache ist präzis und
prägnant, die Offenheit und Einfachheit sind frappierend, der Humor ist
pointiert, die Ironie ist fein, die Bilder sind brisant und die Verse tanzen in
Takt und Rhythmus. Dies alles erhebt die Figur des Menschen, sowohl des Autors,
als auch der Akteure und sogar der Leser, ist also revolutionär im Sinne eines
Humanismus.
Und natürlich wird
auch bei Kästner, Politik im engeren Sinne,
gemacht. Nehmen wir z.B. Der Handstand
auf der Loreley 1932 geschrieben, eine Kritik am Heldentum. In http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/index.php?id=626
wird bemerkt dass das Gedicht eine Parodie auf das SA-Lied „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“
ist, auf dessen Melodie es sich singen lässt.
Nachdem ich all
dies gesagt habe muss ich doch einige relativierende Bemerkungen hinzufügen. Also
erstens muss ich ganz ehrlich gestehen, dass nach langer Lektüre der
Kästnerschen Gedichte ich etwas müde werde (dies trifft aber auch bei anderen
Dichtern zu) wegen der melancholischen Eintönigkeit. Die Gedichte haben fast
alle den gleichen tristen Tonfall und komischerweise habe ich die gleiche
Empfindung wenn er selber vorträgt (Aufnahme natürlich).
Die zweite
Bemerkung ist dass ich mich sträube seine Gedichte als Meisterwerke zu benennen. In diesem Sinn bin ich gezwungen Kritik
an mir selbst auszuüben. Ich, als Kleinbürger,
sehne mich immer nach etwas höheren,
suche immer nach einem Meister. Kann
es einfach nicht akzeptieren dass einer so wie ich, etwas Schönes macht. Dazu
kommt natürlich noch Arroganz. Kästners Name ist immer mit dem Kabarett, also
Kleinkunst, verbunden. Er selber sagte von sich selbst (Kurzgefasster Lebenslauf):
Ich setze mich gerne
zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast,
auf dem wir sitzen
Ich gehe durch die
Gärten der Gefühle,
die tot sind, und
bepflanze sie mit Witzen.
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