Samstag, 31. März 2018

Benjamin versus Kästner oder die Linke und das Linkische




Dieser Text bezieht sich auf Walter Benjamins Kritik „Linke Melancholie: Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch“ (siehe http://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/105). Es wird hier die linke Kritik Benjamins des linken (etwas linkischen) Kästners, von der linken Perspektive analysiert.

Dass der Kästnersche Pessimismus etwas mit dem Ende der Weimarer Republik zu tun hat, das glaube ich schon (er war ein typisches Produkt dieser Zeit) obwohl…Kästner war schon ein Pessimist lange vor und ist einer geblieben lange nach den Ereignissen die der Weimarer Republik ein Ende gesetzt haben (ich glaube Kästner ist in der Mitte der 70er Jahre in München gestorben). Ich bin kein grosser Kenner der Kästnerschen Biographie aber da war der Alkohol, die Beziehung zu seiner Mutter und auch in der Liebe (gibt es da nicht Zusammenhänge?) hat er, glaube ich, nicht viel Glück gehabt. Das Gedicht Sachliche Romanze deutet schon auf so etwas hin. Ja ich weiss, man sollte nicht Mensch und Werk vermischen, aber trotzdem, etwas von dem Menschen rutscht immer mit hinein.

Nun zu Benjamins Kritik an Kästner. Um es kurz und bündig zu machen (mitberücksichtigend der Gefahr der Vereinfachung und der leichten, hoffe ich, Entstellung) und wenn ich es richtig verstanden habe (Benjamins Sprache ist eckig und kantig voll von verschraubten Sätzen und seine Bilder sind künstlich und fremd, ganz im Gegensatz zu Kästner) so wirft Benjamin Kästner das Kleinbürgertum vor, aus Kunst nur noch Amüsement machen zu wollen. Links sein wäre dann doch nur noch Zeitvertreib und Kultur nur Ware. Kästners allzu feine Ironie diene nicht der Aktion, d.h. beabsichtige nicht die revolutionäre Weltveränderung. Seine linke Melancholie würde nur zu Defätismus und Fatalismus, also zu Immobilismus führen.

Ist es heute noch notwendig dieser Art von Kritik ein Gegenargument zu liefern? Die Geschichte hat doch gezeigt wo die Linientreue führt und was aus reinen Revolutionären wird. Je reiner die Linie, d.h., dogmatischer, je unreiner die Methoden die dann notwendig sind um in dieser ungereimten Welt sich mit seiner Reinheit (ich wollte fast sagen Gereimtheit) durchzusetzen.

Zusätzlich muss ich noch sagen dass wahrscheinlich Benjamins Kritik verstanden werden muss im Zusammenhang mit dem Kampf der verschiedenen linken Gruppierungen (hauptsächlich Kommunisten versus Sozialdemokraten) in der Weimarer Republik.

Es tut mir leid aber ich bin da ganz anderer Meinung. Die Welt zu verändern, ja, aber diese harte Arbeit einer kleinen Anzahl von Auserwählten, Aufgeklärten, mögen sie noch so rein sein, zu überlassen, das wissen wir jetzt, wo das hinführt. Das mit der Reinheit ist immer so eine Sache. Heute rein, morgen nicht mehr ganz so. Man muss da andere Wege gehen, andere Wege gehen können, neue Wege wagen. Breitere. Man muss undogmatisch, aufgeschlossen, aufnahmefähig und willig, empfänglich und tolerant sein. Es ist heute leicht so etwas zu sagen (also endlich etwas Positives an der Jetztzeit). Zu Zeiten Benjamins glaubte man mehr an den Vorzügen der Dogmatik. Dies soll seiner Entschuldigung dienen.

Nun zurück zu Kästners kleinbürgerliche Melancholie. Nehmen wir z.B. das oben erwähnte, anscheinend ganz unpolitische Gedicht: Sachliche Romanze. Unpolitisch? Das Gedicht handelt doch von Liebe, besser gesagt, die Kehrseite davon. Gibt es denn etwas Politischeres als die Liebe? Um was geht es denn eigentlich in der Politik, wenn man dabei die Liebe ausschliesst? Welcher ist dann der Sinn?

Ich bin kein Spezialist in neue Sachlichkeit, die Bewegung zu der Kästner gehörte, aber ich glaube dass im Kerne, die Idee war, dass Wirklichkeit politisch ist, dass man also Politik betreibt indem man die Wirklichkeit zeigt, so wie sie ist, ohne Verzierung und Verzerrung, ohne Illusionen, verstellende Romantik und Phantasie. Und das ist doch was Kästner in Sachliche Romanze macht. Einige können sich bei der Lektüre des Gedichts Gedanken machen. Einige können sogar versuchen etwas zu tun. Sie können versuchen ihre Liebesbeziehungen anders zu gestallten, sie können Gründe erforschen, den Problemen auf der Spur gehen. Bei anderen bekräftigt sich dabei nur der Nihilismus. So ist es! Die Vermittlerrolle (der Wirklichkeit) kann nicht als Aufgabe dem Künstler aufgezwungen werden. Überhaupt Aufgabe und Kunst sind Wörter die man mit sehr viel Vorsicht verbinden sollte.

Ein zweiter Gedanke, der wahrscheinlich nichts mit neue Sachlichkeit zu tun hat, ist die Sache mit der Ästhetik. Schönheit ist politisch, Schönheit ist revolutionär und Kästner ist schön. Die Formulierungen die Kästner benutzt sind elegant, die Sprache ist präzis und prägnant, die Offenheit und Einfachheit sind frappierend, der Humor ist pointiert, die Ironie ist fein, die Bilder sind brisant und die Verse tanzen in Takt und Rhythmus. Dies alles erhebt die Figur des Menschen, sowohl des Autors, als auch der Akteure und sogar der Leser, ist also revolutionär im Sinne eines Humanismus.

Und natürlich wird auch bei Kästner, Politik im engeren Sinne, gemacht. Nehmen wir z.B. Der Handstand auf der Loreley 1932 geschrieben, eine Kritik am Heldentum. In http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/index.php?id=626 wird bemerkt dass das Gedicht eine Parodie auf das SA-Lied „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“ ist, auf dessen Melodie es sich singen lässt.

Nachdem ich all dies gesagt habe muss ich doch einige relativierende Bemerkungen hinzufügen. Also erstens muss ich ganz ehrlich gestehen, dass nach langer Lektüre der Kästnerschen Gedichte ich etwas müde werde (dies trifft aber auch bei anderen Dichtern zu) wegen der melancholischen Eintönigkeit. Die Gedichte haben fast alle den gleichen tristen Tonfall und komischerweise habe ich die gleiche Empfindung wenn er selber vorträgt (Aufnahme natürlich).

Die zweite Bemerkung ist dass ich mich sträube seine Gedichte als Meisterwerke zu benennen. In diesem Sinn bin ich gezwungen Kritik an mir selbst auszuüben. Ich, als Kleinbürger, sehne mich immer nach etwas höheren, suche immer nach einem Meister. Kann es einfach nicht akzeptieren dass einer so wie ich, etwas Schönes macht. Dazu kommt natürlich noch Arroganz. Kästners Name ist immer mit dem Kabarett, also Kleinkunst, verbunden. Er selber sagte von sich selbst (Kurzgefasster Lebenslauf):

Ich setze mich gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.

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