Sonntag, 11. Dezember 2022

Ein Winter auf Mallorca: George Sand und Frédéric Chopin

 

Ein Winter auf Mallorca: George Sand und Frédéric Chopin

NDR / Berlin Classics

Gesprochen von Hannelore Elsner; gespielt von Sebastian Knauer

 

Ich hätte von George Sand mehr erwartet als nur Klischees, Vorurteile und Allgemeinheiten. Muss Chopins Übersensibilität noch einmal betont werden? Mallorcas Rückstand, die lehmigen Straßen, die fehlende Ärzte und die dürftigen Mittel, sind doch nur ein Zeichen von der Unfähigkeit sich an einer anderen Kultur anzupassen und deren Reize und positive Werte zu erkennen. George Sands wiederholende Unterstreichung ihre Aufopferung für einen kranken Mann wie Chopin ist Geschmacklosigkeit. Das schlimmste bleibt aber für das Ende. Der Schluss den Sand von den ganzen Erlebnissen in Mallorca zieht ist das der Mensch nicht dafür geschaffen ist mit den Bäumen und Steinen, dem klaren Himmel und dem blauen Meer. mit Blumen und Bergen zu leben, sondern mit seinesgleichen: den Menschen. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, muss man mit Chopin nach Mallorca fahren?

 

George Sand schließt den Text mit den Worten: Die Erfahrung lehrt uns, dass bei Unfähigkeit mit seinesgleichen in Frieden zu leben keine Begeisterung für Poesie und kein Kunstgenuss imstande sind den Abgrund in der Tiefe unseres Herzens zuzuschütten. Ich habe stets vom Leben auf einer einsamen Insel geträumt und jeder aufrichtiger Mensch wird bekennen, dass er die Sehnsucht gehabt hat. Aber glaubt mir meine Freunde, unsere Herzen sind zu liebebedürftig als dass wir ohneeinander auskommen könnten. Das beste was wir tun können ist uns gegenseitig beizustehen, denn wir sind wie Kinder von einer Brust, die sich miteinander anlegen und zanken, sich sogar verprügeln, und doch untrennbar sind.

 

Jeder der mich ein bisschen kennt, weiß dass diese Worte Wasser auf meine Mühle sind. Trotzdem würde ich mich schämen solche Allgemeinheiten zu sagen. Erstens weil es nicht stimmt. Es gibt unzählige Möglichkeiten glücklich zu sein, und Einsamkeit und Natur können nicht ausgeschlossen werden. Außerdem ist das Leben in Gesellschaft auch nicht auf Rosen gebettet und es gehört allerlei dazu eine Gesellschaft zu finden in der man sich wohl fühlt. Uns gegenseitig beizustehen, was bedeutet das genau? Wie kommt man dazu? Was ist dazu nötig?

 

Kaum ein Wort wird über Liebe gesprochen, wobei doch Sand ihre Aufopferung nur zustande gebracht hat, weil sie Chopin liebte. Oder liebte sie nur seine Musik? Und Chopin? Warum hat er seine Freunde, sein Arzt, sein Klavier verlassen, wenn er für Natur und für das südliche Klima und Atmosphäre nicht sehr viel übrighatte? Es ist sehr, sehr schade, dass in dem Text, die Liebe so wenig Platz einnimmt. Das Verhältnis beschränkt sich auf Aufgaben, die Bewunderung für Chopins Musik und das Bedauern seines schwierigen Temperamentes.

 

Und doch wird mit den obigen Paragraphen nur ein Teil der Wahrheit ausgesprochen. Das CD anzuhören ist ein Genuss, nicht nur wegen Chopins Musik aber auch wegen des Zaubers der Insel, das sicherlich heute nicht mehr zu finden ist. Mallorca ist zu einer Touristenfalle geworden, und nicht einmal umsonst würde ich dort die Ferien verbringen.

 

Georges Sand und Chopin zusammen mit Sands zwei Kinder, wohnten in ein halbverlassenes Karthäuserkloster, umgeben von Natur und blauen Meer. Sie verbrachten den Winter 1838/39 auf der Insel umgeben von Palmen und Agaven. Die anmutigen Schlingen der Weinranken, Rosen, Feigen- und Orangebäume gaben den Rahmen; Vogelstimmen im feuchten Laub und der maurische Gesang der Feldarbeiter, gaben die Musik; Regengüsse alternierend mit Sonne und blauer Himmel, die Atmosphäre. Die Abende vollbesetzt mit dem Tanz der Geister, die die Nacht erwarteten um aufzustehen, die nächtlichen Spaziergänge bei Mondlicht durch die Klosterruinen, und der Silberschimmer auf dem Meer gaben das magische Element. Die Kartause war so schön unter ihre Efeuranken, das Tal so wundervoll in seiner Blütenpracht, die Luft so rein, die Berge so klar. Diese Bilder genügen um den Stoff zu bieten für herrliche Phantasien, für den Flug der Einbildungskraft, begleitet von Chopins herrliche Musik.

 

Über Chopins Temperament wird eigentlich wenig beachtliches gesagt. Chopin konnte seiner erregten Phantasien nicht Herr werden. Sein Abscheu vor dem Elend, seine Launenhaftigkeit, Argwohn und fieberhafte Phantasie erschwerten das Leben. Er war hochgradig Empfindlich und so anspruchsvoll, dass es fast unmöglich war ihm nicht zu verletzen.

 

Noch weniger Bedeutendes wird über Chopins Musik gesagt. Sein Genius sei unsagbar reich an Gefühlen, Stimmungen, erhabene Poesie, kraftvolle Dramatik, Nuancen und Überraschungen. Ein bisschen dürftig, nicht wahr?

 

George Sands Vergleich mit Bach, Beethoven und Mozart ist nach meiner Meinung völlig unpassend: Chopins Musik ist exquisiter als Bachs, kraftvoller als Beethovens. Nur Mozart war ihm überlegen denn er besaß die Ausgeglichenheit des Gesunden. Na, ja …

 

In Vergleiche habe ich schon einiges über Tiefe gesagt, und ich will mich nicht wiederholen. Ich halte nicht sehr viel von Tiefe, oder, besser gesagt, wichtig ist die Aussagekraft und die muss nicht unbedingt mit Tiefe verbunden sein. Manchmal sagt uns ein kleiner Einfall, oder eine Bemerkung unter tausend andere, ein Witz oder ein Vergleich viel mehr als tausend Worte. Natürlich gibt es Gegenstände von so komplexer Natur, dass sie nur mit einem gewissen Ausmaß an Details bearbeitet werden können, oder das Sujet ist so verzweigt, es ermöglicht so viele Verbindungen, dass die Einschränkungen einer Vereinfachung zur Entstellung führen. Ein wuchtiger Baum, dicht belaubt mit knorrigem Stamm hat seine Reize und öfter stehe ich bewundert vor so ein Monument, und staune über die Komplexität der Struktur, bewundere seine Majestät, und lasse mich überwältigen von der Pracht der imposanten Konstruktion. Aber auch ein buschartiger Strauch bedeckt mit Blumen kann seine Reize haben.

 

Hannelore Elsner gibt den Ton korrekt an, die Pausen kommen an der Stelle der Pausen, die Betonung und die Akzente sind so wie sie es sein sollten. Alles ein bisschen zu künstlich und zu einstudiert. Auch für Sebastian Knauer konnte ich mich nicht begeistern.

Samstag, 29. Oktober 2022

Ein Leben in China – Li Kunwu / P. Otié


 

Ich habe das Buch in Portugiesisch gelesen, aber es gibt eine deutsche Übersetzung in drei Bände herausgegeben von der Edition Moderne: 1 – Die Zeit meines Vaters; 2 – Die Zeit der Partei; 3 – Die Zeit des Geldes.

 

Ich weiß sehr wenig über China. In meiner Jugend habe ich ein paar Bücher von Lin Yutang gelesen. Ich war fasziniert. Mit der Verinnerlichung der Gefühle und Gedanken und mit der Betonung ihrer Subtilität öffnete sich eine neue Welt für mich.

 

Später, viel später war ich mit einer Sinologin befreundet. Sie brachte mir allerlei aus ihren Reisen nach China, u.a. herrliche papercuts von alten mythischen Figuren. Ich habe sie sehr sorgfältig aufbewahrt, habe sie rahmen lassen, dadurch verloren sie aber ihre Plastizität und Textur, wollte es wieder rückgängig machen, aber Papier ist nicht sehr haltbar.

  

Diesmal wollte ich etwas über die chinesische Revolution und die Zeiten danach wissen. Ich habe natürlich allerlei Zeitungsartikel gelesen, aber es wird alles so fragmentiert präsentiert, dass kein Gesamtbild entstehen kann. Ich wollte keine Theorie; auch keine Wunschvorstellungen, so wie es hätte sein können und nicht war. Ich wollte, anhand des täglichen Lebens eines normalen Bürgers, wissen was in China während der letzten 70 – 80 Jahren passiert ist.

  

Genau das bringt da Buch. Und Comics sind dabei sehr behilflich, denn bekanntlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte, oder besser, kann es sagen, wenn der Zeichner talentiert ist. Und das ist Kunwu sicherlich.

 

Anhand seines eigenen Lebens, oder besser, anhand des Lebens des Erzählers Xiao Li, werden die verschiedenen Etappen der Geschichte der Volksrepublik China gezeigt. Obwohl Xiao Li dem ganzen Prozess gegenüber positiv eingestellt ist, hatte ich nie den Eindruck, dass die Sachen verschönert werden. Im Gegenteil, der absurde Radikalismus und Sturheit der Kulturrevolution, sowie die genauso absurde Umwandlung in einer vom Pragmatismus beherrschten korrupten Konsumgesellschaft werden offen und mutig gezeigt.

  

Wie war eine so radikale Veränderung möglich? Geschichte ist einmalig: Kultur und zeitliche Umstände spielen dabei eine bedeutende Rolle. Was in einem Land zu einer gewissen Zeit passiert, lässt sich nicht beliebig reproduzieren. In China werden Disziplin, Familie, hierarchische Werte, ein gewisser Stoizismus und natürlich der dahinterstehende Konfuzianismus noch heute großgeschrieben.

  

Um Kunwus Position besser zu verstehen nehme ich mal das Ereignis am Platz des Himmlischen Friedens (Tian'anmen Platz) in 1989, dass, nach meiner Meinung, in der westlichen Presse eine unangemessene Aufmerksamkeit bekam. Das ist die einzige Stelle in dem Buch wo Xiao Li, oder besser, Kunwu eine Stellungnahme nimmt. In dem Rest des Buches sprechen die Tatsachen für sich. Er äußert sich ganz klar und offen über diesen Vorfall, indem er Chinas Entwicklung vor der Meinungsfreiheit stellt. Nach seiner Ansicht muss vor allem die Stabilität des Prozesses garantiert werden. Man kann versuchen diesen Standpunkt zu erklären, indem man die Tatsache benutzt, dass Xiao Li der Partei angehört. Wie aber lässt sich dann seine unglaublich mutige Haltung, sämtlich korrupte Erscheinungen in den modernen China anzuzeigen, erklären? Prostitution, Nepotismus, Vorteilsgewährung, Spekulation, Ausbeutung, all diese modernen Erscheinung einer korrupten Gesellschaft werden schonungslos präsentiert.

  

Obwohl Xiao Li (oder, in Band drei, Lao Li, der alte Li) seine Geschichte erzählt, versucht er immer die Stellung eines Beobachters einzunehmen d.h., in dem Buch ist er mehr Erzähler als Charakter. Neutralität gibt es nicht, und Kunwu versucht es auch nicht vorzutäuschen. Es herrscht aber immer eine Balance zwischen Kritik und Zustimmung.

 

Die Balance zeigt sich schon in dem Entstehungsplan des Werks. Das Buch ist eine Zusammenarbeit zwischen Philippe Ôtié und Li Kunwu, wobei Ôtié, ein französischer Diplomat und Schriftsteller, der viele Jahren im Fernen Osten gelebt hat, die Perspektive des Westens vertritt, d.h., einer seiner Rollen war es die Geschichte für einen westlichen Leser verständlich zu machen. Er hat, zusammen mit Kunwu, den Plan der Arbeit entworfen. West und Ost arbeiten hier zusammen und das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen.

 

Freitag, 9. September 2022

Imre Kertész – Roman eines Schicksallosen,

 

Rowohlt – ISBN 978-3-499-22576-5

Das Buch ist nicht schlecht, oder besser gesagt, es ist nicht einmal schlecht. Unter den unzähligen Prädikaten mit denen man ein Buch qualifizieren kann, habe ich große Schwierigkeiten einen geeigneten zu finden. Es ist nicht langweilig. Auch mit dem Wort Mittelmäßigkeit würde man der Arbeit nicht gerecht sein. Am besten gefällt mir das Bild eines großen, langsam rollenden, dösig schlummernden Flusses, ein Bild das, nach meiner Meinung, nicht so recht zu einer Geschichte, die sich in einen KZ abspielt, passt.

Nehmen wir z.B. Abschnitt 6, als die Zustände in Buchenwald sich verschlechtern. Schmerz und Leiden werden so sachlich und nüchtern wie nur möglich, oder besser, unmöglich, beschrieben, ohne jegliche Zeichen von Empörung oder Revolte. In Abschnitt 7 beginnt das sich gehen lassen, d.h., die Zustände werden so schlecht, dass alles gleichgültig wird. György reagiert nicht einmal bei Schlägen oder Misshandlungen. Z.B. beim Appell, wenn er zu müde von dem stundenlangen Stehen in den Reihen ist, dann sinkt er einfach nieder, auch wenn da Schlamm oder eine Pfütze ist. Bei der Arbeit achtet er nicht einmal auf Schein (siehe S. 189). Der Aufseher verprügelt ihn, aber er spürt die Prügel gar nicht mehr (ist das möglich?). Er wird zu einem Muselmann (so nannte man damals diejenigen, die es aufgegeben hatten).

Fakten, Geschehnisse. Bemerkungen über den Alltag. Die Perspektive ist kurzsichtig, teilnahmslos. Nichts wird abstrahiert, interpretiert oder verallgemeinert. Die Lücken, die natürlich jedes Ereignis hat, werden nicht ausgefüllt. Keine Erklärung, keine Auskunft, die über das strikt faktische hinausgeht, wird gegeben. Die Kurzsichtigkeit reduziert, nach meiner Meinung, nicht nur das Verständnis, sondern auch die Emotionen. Empfindungen werden gedämpft, Gefühle werden gezügelt.

 War es also Kertész' Absicht ein neues Bild von einem KZ zu entwerfen und kann die Suche nach Originalität so etwas rechtfertigen? Es gibt natürlich viele KZ-Berichte die emotionell überladet sind. Ein Fehler legitimiert aber nicht einen anderen so schlimm oder sogar noch schlimmer.

 Entspricht das neue Bild der Wirklichkeit? Diese Frage ist schwierig zu beantworten, besonders von einem der sehr viel über KZs gelesen, aber nie ein KZ selber erlebt hat. Ich kann diese Frage nur von der Perspektive eines Lesers beantworten, und da, muss ich sagen, ist die Lektüre sehr wenig ergiebig. Weder Gedanken, noch Ideen. Weder Analyse, noch psychologische Tiefe. Die Bilder sind immer eintönig grau.

 György, der Icherzähler, wird 1944 mit vierzehn Jahren in Ausschwitz und dann in Buchenwald eingesperrt. Entspricht die Nüchternheit, der Perspektive eines Kindes? Ich glaube kaum. Die Gefühlswelt eines Kindes ist eher turbulent und starke Schattierungen beherrschen die Bilder. Dass ein Erwachsene die Erinnerungen der Kindheit verdrängt, sodass diese sich als gedämpft nacherleben lassen, das mag stimmen, ist aber wieder eine ganz andere Sache. Als Kind waren die Bilder stark. Auch erinnere ich mich, dass ich in meiner Kindheit die Sachen verstehen wollte, ganz im Gegenteil zu György, der nur besorgt ist die Erlebnisse zu registrieren.

 Um diese Ideen zu konkretisieren nehme ich das Ereignis auf S. 236-7. Pjetka, auch ein Insasse von Buchenwald, ist eine Art Aufseher und hat dadurch gewisse Privilegien. Er brät sich Kartoffel mit Wurst und Ei in der Baracke der Häftlinge vor dem hungrigen György. Ich habe ähnliche Szenen in anderen Büchern gelesen, aber noch nie eine so kalte Schilderung von etwas, dass, nach meiner Meinung, heftige (mindestens gastrische) Emotionen auslöst.

 Das Ergebnis dieser Teilnahmslosigkeit und Kurzsichtigkeit ist frustrierend. Das Gefühl das einem überfällt ist kein Schritt vorwärts in dem Verständnis eines KZs gekommen zu sein. Die Lektüre ist interessant, ist spannend, weil das Thema spannend ist. Wer aber in Literatur mehr als Unterhaltung sucht, ärgert sich über die verlorene Zeit.

Was mich aber an dem Buch am meisten gestört hat ist die Sprache. Der Roman wurde aus dem Ungarischen übersetzt. Immer wieder werden Nebensätze, meistens ganz unwichtige Floskeln, völlig überflüssige Kommentare, an den Hauptsatz angehängt. Ich gebe ein Beispiel (S. 209): Ich muss einsehen, dass ich gewisse Dinge nie zu erklären vermag, auf keine Weise, nicht wenn ich sie von meiner Erwartung, von den Regeln, der Vernunft – im Ganzen also vom Leben und der allgemeinen Ordnung her betrachte, soweit ich sie kenne, zumindest.

 Ein weiteres Beispiel aus S. 228: Jedenfalls musste ich mich nach einiger Zeit, wenn auch nur langsam, zurückhaltend und vorsichtig, von den Tatsachen überzeugen lassen, nämlich dass – wie es schien – auch das möglich und denkbar war, es mochte zwar ungewohnter sein, ja, und auch angenehmer, natürlich, aber im Grunde genommen, wenn ich es recht bedachte, was nicht merkwürdiger als alle anderen Merkwürdigkeiten, die – es war ja schlieβlich ein Konzentrationslager – sonst noch möglich und denkbar waren, sowohl als auch umgekehrt, natürlicherweise.

 Ganze Sätze, Redewendungen werden zu einer Art von Füllwort degradiert. Welcher ist der Sinn solch einer Satzkonstruktion? Umgangssprache vorzutäuschen? Der Gedankengang eines Jugendlichen nachzuahmen? Für mich ist das Ergebnis nur Schwere und Umständlichkeit.

 Ich werde fast verführt zu sagen, dass der Mann nicht schreiben kann, aber nie würde ich es wagen solch eine Behauptung von einem Nobelpreisträger zu machen. Also schiebt man die Schuld dem Übersetzer zu? Aber auch dieses Argument ist nicht stichhaltig, denn nie würde ein Übersetzer imstande sein solche umständlichen Veränderungen in der Satzstruktur einzuführen. Die einzige Möglichkeit bleibt also die Schuld selbst zu übernehmen: ich habe einfach die Feinheiten und Raffinessen der Konstruktion nicht mitbekommen.

 Auf S. 270, nach dem Krieg, als György die Heimat wieder erreicht und in der Straßenbahn ein Gespräch mit einem schwarzhaarigen Mann hat, fragt dieser, was er jetzt, da er zu Hause ist, empfände. Hass, antwortet der Jugendliche. Gegen wem? Gegen alle, ist die Antwort. Hass gegen alle spiegelt doch nur den Hass gegen sich selbst. Wurde das Buch unter der Perspektive des Hasses geschrieben, und hat Verdrängung und Eigenzensur diesen Hass in Indifferenz, Gleichgültigkeit, Kühle und Kälte umgewandelt?

 

Schicksalsvoll oder schicksalslos?

Von Anfang an hatte ich große Schwierigkeiten mit dem Titel Kertész' Roman. Hinzu kommt noch, dass das Wort Schicksal mir einige Bedenken bereitet, weil Determinismus für mich schwer zu akzeptieren ist. Es setzt eine gewisse Starre voraus, und für mich ist die Welt Bewegung.

 Für die Griechen hatte das Schicksal eine besondere Wichtigkeit. Dies kann, nach meiner Meinung, durch die Notwendigkeit der Erhaltung der Privilegien der Oberschicht, die ja Philosophie, Kunst und Religion betrieben, erklärt werden. Wenn die Welt durch das Schicksal vorbestimmt wird, dann lässt man am besten alles so wie es ist. Wer oben ist bleibt dann oben.

 Zurück zu Kertész' Roman. Warum handelt es sich hier um die Geschichte eines Schicksallosen? Auf S. 279-282 versuch Kertész den Schlüssel für den Titel zu liefern. Nach dem Krieg, zurück in Budapest, sitzt György bei alten Bekannten. Er wundert sich, dass die Alten so oft das Wort kamen benutzen, d.h., sämtliche Ereignisse während des Krieges kamen auf sie zu, wie hervorgerufen durch eine Art Zauber oder Zufall. Es kam das Ghetto, es kamen die KZs und dann kam die Befreiung (hier also das Schicksal). Als eines der Alten bemerkt man müsse die Gräuel vergessen (S. 280) so antwortet György, dass er von Gräueln nichts bemerkt habe. Er habe immer nur einen Schritt nach dem anderen gemacht (hier also die Kurzsichtigkeit).

 Um diese Idee zu veranschaulichen, erzählt György von der Ankunft in Ausschwitz. Der Zug kam an, nach einigen Tagen ohne Essen und Trinken, und drei tausend standen in den Reihen, um aussortiert zu werden. Nur sehr langsam ging es vorwärts. Die meisten wurden sofort in den Tod in den Gaskammern geschickt. Einigen wenigen wurde die Überlebenschance geboten. In der Kolonne ging man Schritt für Schritt den Weg, der das Leben vom Tod trennte. Und György argumentiert, dass die Sachen nicht auf einem zukommen, sondern dass man den Sachen entgegengeht.

 Untersuchen wir mal diese, nach meiner Meinung, völlig verwirrte Aussage (hier ist nicht die Übersetzung schuld!). Es ist nicht notwendig Einsteins Relativitätstheorie zu kennen, um zu wissen, dass wenn ein Zug sich einem Pfosten nähert, es völlig egal ist zu sagen, dass der Pfosten auf dem Zug zukommt oder dass der Zug dem Pfosten entgegengeht. Das Problem ist nicht wer sich wem nähert, das Problem ist ob Zug oder Pfosten, oder die Eisenbahn in der man sitzt, unvermeidliche Ereignisse sind, oder ob man nicht, möglicherweise, schon besser vorher ausgestiegen wäre, ein anderes Verkehrsmittel genommen, oder sogar die Reise vermieden hätte. Diese Probleme werden von Kertész nicht angesprochen. Kertész konzentriert sich auf ein, nach meiner Meinung, völlig belangloses Sujet, nämlich ob es sich um ein kommen oder ein gehen handelt. Zusätzlich muss gesagt werden, dass das Beispiel das Kertész gibt, schlecht ausgewählt ist, denn wenn György in der Ausmusterungswarteschlange stand, dann war es, weil es gar keine andere Alternative gab.

 Ich kann mir vorstellen was Kertész sagen wollte, aber nicht gesagt hat. Die Alten meinen, dass die Ereignisse unvermeidlich sind, dass man also seinem Schicksal ausgesetzt ist und es akzeptieren muss. György ist da anderer Meinung. Nur ist es so, dass diese Aussage am Ende des Buches gemacht wird. Nie davor merkte man Györgys Absicht gegen den Lauf der Dinge etwas zu unternehmen. Nie vorher zeigte er eine kämpferische Haltung. Nie hat György versucht den zukommenden Ereignissen entgegenzusteuern. Er nimmt immer alles auf sich zu, sodass dieser Diskurs am Ende des Romans schwer zu akzeptieren ist. Jeder hat seine Schritte gemacht, solange er konnte (S. 283) sagt er. Ja, gut, Schritte macht jeder. Aber in welcher Richtung hätte man sie machen sollen?

 György drückt nur Gemeinplätze und triviale Feststellungen aus, wenn er sagt: Wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich: Wenn es aber … Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal … Und dann kommt er triumphierend zu dem Schluss, dass wir selbst das Schicksal sind (S. 284). Was bedeutet das, außer ein Werbespruch? Noch unklarer ist Györgys Schluss er könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu sollen. Was bedeutet das genau? Ist mit Schuld die Sache getan? Was genau hätte man anders machen sollen um sich nicht schuldig zu fühlen?