Rowohlt – ISBN 978-3-499-22576-5
Das Buch ist nicht schlecht, oder besser gesagt, es ist nicht einmal schlecht. Unter den unzähligen Prädikaten mit denen man ein Buch qualifizieren kann, habe ich große Schwierigkeiten einen geeigneten zu finden. Es ist nicht langweilig. Auch mit dem Wort Mittelmäßigkeit würde man der Arbeit nicht gerecht sein. Am besten gefällt mir das Bild eines großen, langsam rollenden, dösig schlummernden Flusses, ein Bild das, nach meiner Meinung, nicht so recht zu einer Geschichte, die sich in einen KZ abspielt, passt.
Nehmen wir z.B. Abschnitt 6, als die Zustände in Buchenwald sich verschlechtern. Schmerz und Leiden werden so sachlich und nüchtern wie nur möglich, oder besser, unmöglich, beschrieben, ohne jegliche Zeichen von Empörung oder Revolte. In Abschnitt 7 beginnt das sich gehen lassen, d.h., die Zustände werden so schlecht, dass alles gleichgültig wird. György reagiert nicht einmal bei Schlägen oder Misshandlungen. Z.B. beim Appell, wenn er zu müde von dem stundenlangen Stehen in den Reihen ist, dann sinkt er einfach nieder, auch wenn da Schlamm oder eine Pfütze ist. Bei der Arbeit achtet er nicht einmal auf Schein (siehe S. 189). Der Aufseher verprügelt ihn, aber er spürt die Prügel gar nicht mehr (ist das möglich?). Er wird zu einem Muselmann (so nannte man damals diejenigen, die es aufgegeben hatten).
Fakten, Geschehnisse. Bemerkungen über den Alltag. Die Perspektive ist kurzsichtig, teilnahmslos. Nichts wird abstrahiert, interpretiert oder verallgemeinert. Die Lücken, die natürlich jedes Ereignis hat, werden nicht ausgefüllt. Keine Erklärung, keine Auskunft, die über das strikt faktische hinausgeht, wird gegeben. Die Kurzsichtigkeit reduziert, nach meiner Meinung, nicht nur das Verständnis, sondern auch die Emotionen. Empfindungen werden gedämpft, Gefühle werden gezügelt.
War es also Kertész' Absicht ein neues Bild von einem KZ zu entwerfen und kann die Suche nach Originalität so etwas rechtfertigen? Es gibt natürlich viele KZ-Berichte die emotionell überladet sind. Ein Fehler legitimiert aber nicht einen anderen so schlimm oder sogar noch schlimmer.
Entspricht das neue Bild der Wirklichkeit? Diese Frage ist schwierig zu beantworten, besonders von einem der sehr viel über KZs gelesen, aber nie ein KZ selber erlebt hat. Ich kann diese Frage nur von der Perspektive eines Lesers beantworten, und da, muss ich sagen, ist die Lektüre sehr wenig ergiebig. Weder Gedanken, noch Ideen. Weder Analyse, noch psychologische Tiefe. Die Bilder sind immer eintönig grau.
György, der Icherzähler, wird 1944 mit vierzehn Jahren in Ausschwitz und dann in Buchenwald eingesperrt. Entspricht die Nüchternheit, der Perspektive eines Kindes? Ich glaube kaum. Die Gefühlswelt eines Kindes ist eher turbulent und starke Schattierungen beherrschen die Bilder. Dass ein Erwachsene die Erinnerungen der Kindheit verdrängt, sodass diese sich als gedämpft nacherleben lassen, das mag stimmen, ist aber wieder eine ganz andere Sache. Als Kind waren die Bilder stark. Auch erinnere ich mich, dass ich in meiner Kindheit die Sachen verstehen wollte, ganz im Gegenteil zu György, der nur besorgt ist die Erlebnisse zu registrieren.
Um diese Ideen zu konkretisieren nehme ich das Ereignis auf S. 236-7. Pjetka, auch ein Insasse von Buchenwald, ist eine Art Aufseher und hat dadurch gewisse Privilegien. Er brät sich Kartoffel mit Wurst und Ei in der Baracke der Häftlinge vor dem hungrigen György. Ich habe ähnliche Szenen in anderen Büchern gelesen, aber noch nie eine so kalte Schilderung von etwas, dass, nach meiner Meinung, heftige (mindestens gastrische) Emotionen auslöst.
Das Ergebnis dieser Teilnahmslosigkeit und Kurzsichtigkeit ist frustrierend. Das Gefühl das einem überfällt ist kein Schritt vorwärts in dem Verständnis eines KZs gekommen zu sein. Die Lektüre ist interessant, ist spannend, weil das Thema spannend ist. Wer aber in Literatur mehr als Unterhaltung sucht, ärgert sich über die verlorene Zeit.
Was mich aber an dem Buch am meisten gestört hat ist die Sprache. Der Roman wurde aus dem Ungarischen übersetzt. Immer wieder werden Nebensätze, meistens ganz unwichtige Floskeln, völlig überflüssige Kommentare, an den Hauptsatz angehängt. Ich gebe ein Beispiel (S. 209): Ich muss einsehen, dass ich gewisse Dinge nie zu erklären vermag, auf keine Weise, nicht wenn ich sie von meiner Erwartung, von den Regeln, der Vernunft – im Ganzen also vom Leben und der allgemeinen Ordnung her betrachte, soweit ich sie kenne, zumindest.
Ein weiteres Beispiel aus S. 228: Jedenfalls musste ich mich nach einiger Zeit, wenn auch nur langsam, zurückhaltend und vorsichtig, von den Tatsachen überzeugen lassen, nämlich dass – wie es schien – auch das möglich und denkbar war, es mochte zwar ungewohnter sein, ja, und auch angenehmer, natürlich, aber im Grunde genommen, wenn ich es recht bedachte, was nicht merkwürdiger als alle anderen Merkwürdigkeiten, die – es war ja schlieβlich ein Konzentrationslager – sonst noch möglich und denkbar waren, sowohl als auch umgekehrt, natürlicherweise.
Ganze Sätze, Redewendungen werden zu einer Art von Füllwort degradiert. Welcher ist der Sinn solch einer Satzkonstruktion? Umgangssprache vorzutäuschen? Der Gedankengang eines Jugendlichen nachzuahmen? Für mich ist das Ergebnis nur Schwere und Umständlichkeit.
Ich werde fast verführt zu sagen, dass der Mann nicht schreiben kann, aber nie würde ich es wagen solch eine Behauptung von einem Nobelpreisträger zu machen. Also schiebt man die Schuld dem Übersetzer zu? Aber auch dieses Argument ist nicht stichhaltig, denn nie würde ein Übersetzer imstande sein solche umständlichen Veränderungen in der Satzstruktur einzuführen. Die einzige Möglichkeit bleibt also die Schuld selbst zu übernehmen: ich habe einfach die Feinheiten und Raffinessen der Konstruktion nicht mitbekommen.
Auf S. 270, nach dem Krieg, als György die Heimat wieder erreicht und in der Straßenbahn ein Gespräch mit einem schwarzhaarigen Mann hat, fragt dieser, was er jetzt, da er zu Hause ist, empfände. Hass, antwortet der Jugendliche. Gegen wem? Gegen alle, ist die Antwort. Hass gegen alle spiegelt doch nur den Hass gegen sich selbst. Wurde das Buch unter der Perspektive des Hasses geschrieben, und hat Verdrängung und Eigenzensur diesen Hass in Indifferenz, Gleichgültigkeit, Kühle und Kälte umgewandelt?
Schicksalsvoll oder schicksalslos?
Von Anfang an hatte ich große Schwierigkeiten mit dem Titel Kertész' Roman. Hinzu kommt noch, dass das Wort Schicksal mir einige Bedenken bereitet, weil Determinismus für mich schwer zu akzeptieren ist. Es setzt eine gewisse Starre voraus, und für mich ist die Welt Bewegung.
Für die Griechen hatte das Schicksal eine besondere Wichtigkeit. Dies kann, nach meiner Meinung, durch die Notwendigkeit der Erhaltung der Privilegien der Oberschicht, die ja Philosophie, Kunst und Religion betrieben, erklärt werden. Wenn die Welt durch das Schicksal vorbestimmt wird, dann lässt man am besten alles so wie es ist. Wer oben ist bleibt dann oben.
Zurück zu Kertész' Roman. Warum handelt es sich hier um die Geschichte eines Schicksallosen? Auf S. 279-282 versuch Kertész den Schlüssel für den Titel zu liefern. Nach dem Krieg, zurück in Budapest, sitzt György bei alten Bekannten. Er wundert sich, dass die Alten so oft das Wort kamen benutzen, d.h., sämtliche Ereignisse während des Krieges kamen auf sie zu, wie hervorgerufen durch eine Art Zauber oder Zufall. Es kam das Ghetto, es kamen die KZs und dann kam die Befreiung (hier also das Schicksal). Als eines der Alten bemerkt man müsse die Gräuel vergessen (S. 280) so antwortet György, dass er von Gräueln nichts bemerkt habe. Er habe immer nur einen Schritt nach dem anderen gemacht (hier also die Kurzsichtigkeit).
Um diese Idee zu veranschaulichen, erzählt György von der Ankunft in Ausschwitz. Der Zug kam an, nach einigen Tagen ohne Essen und Trinken, und drei tausend standen in den Reihen, um aussortiert zu werden. Nur sehr langsam ging es vorwärts. Die meisten wurden sofort in den Tod in den Gaskammern geschickt. Einigen wenigen wurde die Überlebenschance geboten. In der Kolonne ging man Schritt für Schritt den Weg, der das Leben vom Tod trennte. Und György argumentiert, dass die Sachen nicht auf einem zukommen, sondern dass man den Sachen entgegengeht.
Untersuchen wir mal diese, nach meiner Meinung, völlig verwirrte Aussage (hier ist nicht die Übersetzung schuld!). Es ist nicht notwendig Einsteins Relativitätstheorie zu kennen, um zu wissen, dass wenn ein Zug sich einem Pfosten nähert, es völlig egal ist zu sagen, dass der Pfosten auf dem Zug zukommt oder dass der Zug dem Pfosten entgegengeht. Das Problem ist nicht wer sich wem nähert, das Problem ist ob Zug oder Pfosten, oder die Eisenbahn in der man sitzt, unvermeidliche Ereignisse sind, oder ob man nicht, möglicherweise, schon besser vorher ausgestiegen wäre, ein anderes Verkehrsmittel genommen, oder sogar die Reise vermieden hätte. Diese Probleme werden von Kertész nicht angesprochen. Kertész konzentriert sich auf ein, nach meiner Meinung, völlig belangloses Sujet, nämlich ob es sich um ein kommen oder ein gehen handelt. Zusätzlich muss gesagt werden, dass das Beispiel das Kertész gibt, schlecht ausgewählt ist, denn wenn György in der Ausmusterungswarteschlange stand, dann war es, weil es gar keine andere Alternative gab.
Ich kann mir vorstellen was Kertész sagen wollte, aber nicht gesagt hat. Die Alten meinen, dass die Ereignisse unvermeidlich sind, dass man also seinem Schicksal ausgesetzt ist und es akzeptieren muss. György ist da anderer Meinung. Nur ist es so, dass diese Aussage am Ende des Buches gemacht wird. Nie davor merkte man Györgys Absicht gegen den Lauf der Dinge etwas zu unternehmen. Nie vorher zeigte er eine kämpferische Haltung. Nie hat György versucht den zukommenden Ereignissen entgegenzusteuern. Er nimmt immer alles auf sich zu, sodass dieser Diskurs am Ende des Romans schwer zu akzeptieren ist. Jeder hat seine Schritte gemacht, solange er konnte (S. 283) sagt er. Ja, gut, Schritte macht jeder. Aber in welcher Richtung hätte man sie machen sollen?
György drückt nur Gemeinplätze und triviale Feststellungen aus, wenn er sagt: Wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich: Wenn es aber … Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal … Und dann kommt er triumphierend zu dem Schluss, dass wir selbst das Schicksal sind (S. 284). Was bedeutet das, außer ein Werbespruch? Noch unklarer ist Györgys Schluss er könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu sollen. Was bedeutet das genau? Ist mit Schuld die Sache getan? Was genau hätte man anders machen sollen um sich nicht schuldig zu fühlen?
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