Donnerstag, 7. September 2023

Klima und Politik

Klima und Politik

oder

Warum man mit Faschisten nicht diskutieren sollte

 

Einleitung

 

Ende 2022 wurde ein Thema mit dem Titel „Kleben bleiben“ im Literaturforum.de eröffnet. Es handelte sich hauptsächlich um eine Diskussion der Manifestationen der Gruppe Letzte Generation. Das Kollektiv versuchte die öffentliche Meinung auf die Umweltprobleme aufmerksam zu machen: „Sie kleben sich auf Straßen fest. Mit Sekundenkleber. Und schütten Suppen auf Gemälde.“

 

Es entstand eine ziemlich polemische Diskussion. Teilweise habe ich den Ton überspitzt, weil ich die Geduld mit einigen erzreaktionären Teilnehmern verloren habe. Geduld mit der Rechten habe ich wenig, weil es dort nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder sie sind zu dumm, um mit Ihnen zu diskutieren. Oder sie sind zu arglistig, und es kann mit ihnen  nicht diskutiert werden. Es endet dann fast immer mit Prügelei, im wörtlichen oder bildlichen Sinn, und dazu habe ich weder Lust noch Fähigkeit.

 

Dieser Standpunkt, den ich in abgeschwächter Form offen zugegeben habe, wurde von dem Gegenspieler benutzt, um mir vorzuwerfen, ich könnte nur mit meinesgleichen diskutieren. Hier sehen wir wie die Verdrehung der Argumente, also die Arglistigkeit, funktioniert, denn es müsste Konsens sein, dass es völlig sinnlos ist, mit einen, der von einen entgegengesetzten Standpunkt ausgeht, zu diskutieren. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man nur mit einen diskutieren kann, der genau so denkt wie wir selber. Die Subtilität gehört eben nicht zur Rechten. Sie kennt nur den Faustschlag.

 

Zurück zum Thema „Klima und Politik“. Hier in diesem Text bringe ich hauptsächlich meine Beiträge. Ich habe keine Erlaubnis für die Widergabe der Beiträge der anderen Teilnehmer der Diskussion. Um das Ganze aber verständlich zu machen, werde ich das wichtigste zusammenfassen. Diese Zusammenfassung ist natürlich subjektiv und sie enthält auch einige Kommentare von mir. Sie beabsichtigt nicht eine treue Wiedergabe der Argumente der anderen Teilnehmer. Um das persönliche zu vermeiden werden Namen ausgelassen. Wer an Treue interessiert ist, der sollte die Originalfassung lesen. Die Zusammenfassung plus Kommentare erscheinen in Kursiv, um sie von meinen Beiträgen zu unterscheiden. Diese letzten wurden von mir leicht überarbeitet. Das Neue erscheint also in Kursiv, das Alte, leicht überarbeitet, in normaler Schrift.

 

 

Gemischte Gefühle

 

Einerseits Freude, die Freude des Einverständnisses. Weniges für mich ist widerlicher als das Spießbürgertum. Ich vermeide sie wie der Teufel das Kreuz.

 

Aber ich kann nicht mit allem ganz einverstanden sein. Sich auf der Straße zu kleben, geht noch. Aber Kunstgegenstände beschädigen? Warum nicht Geldautomaten? Oder Bankfassaden? Oder Kaufhäuser?

 

Zugegeben, Kunst ist (meistens) mit der Oberschicht verbunden, weil die Oberschicht Kunst bezahlen kann, und weil ohne Geld nichts läuft. So kann man auch den Protest der Gruppe verstehen, denn wenn der Spießer die Kunst bejaht und die Umwelt verneint, dann Suppe auf die Gemälde!

 

Das ist aber doch die grobste Vereinfachung! Gut, ohne die Pharonen gäbe es keine Pyramiden, und ohne die Patrizier keine Akropolis. Aber sind diese Kunstwerke deswegen weniger bedeutungsvoll? Weil sie der Ausdruck der Oberschicht sind? Weil sie durch Sklavenarbeit ermöglicht wurden?

 

Kunst ist mehr als nur Ästhetik. Kunst ist Ausdruck einer Kultur. Kunst ist Geschichte. Oft drückt sich die Geschichte durch Kulturgegenstände aus. Oft ist von der Geschichte nicht viel mehr als Kulturgegenstände übriggeblieben.

 

Zerstört man die Kultur so zerstört man die Geschichte. Und was bleibt von dem Menschen übrig ohne seine Vergangenheit?

 

Kunst muss also in den geschichtlichen Kontext gebracht werden. Gab es zu einer Zeit eine Oberschicht, die die Geldmittel besaß, so wird dies von der Kunst widergespiegelt, was nicht bedeuten muss, dass dadurch schlechte Kunst entstehen muss. Sicherlich ist Goethe ein Ausdruck der Oberschicht, und Leonardo da Vinci wäre ohne den hohen Klerus undenkbar.

 

Nein, das ist nicht der Weg. Bewunderung habe ich für den Mut. Bewunderung habe ich für den Protest gegen eine Gesellschaft die verantwortungslos handelt, die ihre Zukunft gegen eine kurzlebige Gegenwart eintauscht, die Wirklichkeit durch Illusionen ersetzt, die von Schwindel, Lüge und Betrug lebt. Aber trotzdem … ein Fehler rechtfertigt nicht einen anderen.

 

Außerdem glaube ich nicht an der Effektivität radikaler Proteste einer sehr kleinen Minderheit – man vergesse nicht die RAF-Aktionen. Sie werden meistens von den Kommunikationsmitteln benutzt, führen zu mehr Sicherheitsmaßnahmen, und treiben den Rechtsradikalismus an. Was soll man aber machen? Passiv bleiben und nur zusehen wie die Welt zugrunde gerichtet wird?

 

Gewalt oder Passivität, man sollte nicht bei den Extremen bleiben. Dazwischen gibt es unzählige Möglichkeiten des Einsatzes. Ein bisschen Geduld gehört auch dazu. Sicherlich wird’s mal was mit den Frieden; vielleicht siegt mal der Verstand (Vertreterbesuch – Reinhard Mey, bezogen auf das Jahr 2003). Leider ist aus diesem Traum nichts geworden. Aber trotzdem, er lebt weiter.

 

 

*  *  *

 

 

Zugeben muss ich heute, dass die obigen Argumente etwas konfus sind, denn ich habe mich wenig mit den Umweltproblemen befasst, und mich zu sehr mit der Beschädigung der Kunstgegenstände, die ja nur eine Art des Protests der Kleber sind, beschäftigt.

 

Es wurde argumentiert, dass die Kleber ein Aufzwingen des „wir“ bedeuten, d.h., sie würden versuchen den kollektiven Gedanken einer kleinen Gruppe, der Mehrheit der Bevölkerung aufzuzwingen. Somit wäre die individuelle Freiheit durch den Kollektivgedanke gefährdet. Die Kleber wären Bußprediger, die die Mehrheit als Projektionsfläche ihrer Ideen benutzen würden. „Sich niemals zu einem „Wir“ machen zu lassen, darauf kommt es an.“

 

Von einem Teilnehmer wurde argumentiert, dass es bei den Klebern an Verstand fehlen würde. Sie würden nur mit den Gefühlen handeln. Als Gegenargument wurde dann Wenzel zitiert: In die Irre führt was uns nicht berührt – was wir nicht berühren, können wir nicht spüren“. Bei der Aktion der Kleber, ginge es gar nicht um das Zerstören, sondern um das Stören. Es wurde dann aber zugegeben, dass sie sich wie kleine Kinder verhalten würden, es wäre also eine Art von Regression, und diese wäre ein Zeichen der Hilflosigkeit, die meistens zutrifft, wenn die Vernunft versagt. Anderseits wäre das Erhalten von Kunstgegenstände eitle Sinnlosigkeit, wenn uns währenddessen die ganze Erde flöten geht. Ich habe dann folgenden Beitrag gepostet.

 

 

In die Irre führt was uns nicht berührt

 

In der Irre führt uns gerade was uns berührt, wenn der Verstand es nicht richtig bearbeiten kann.

 

Gefühl und Verstand sind kein entweder / oder. Gefühle sollten immer mit dem Verstand verbunden werden. Ich fühle was ich denke, und ich denke was ich fühle.

 

Und noch eine Sache: die Erde geht uns sicher flöten, wenn wir die Kunst zerstören (was bleibt von der Zivilisation übrig ohne Kunst?) !

 

Wenn ich von Erde spreche, dann meine ich natürlich die Menschheit und die Zivilisation. Was von der Erde übrig bleibt ohne die Menschheit, könnte ja uns egal sein. Außerdem ist es Größenwahn zu glauben, dass die Erde von dem Unfug, den wir Menschen machen, betroffen sein wird; Es gab sie schon ohne Menschen, und es wird sie weiter ohne Menschen geben.

 

Stören durch Zerstören. Aber warum gerade Kunstgegenstände? Warum nicht Banken?

 

Außerdem stört mich die Suche nach dem Spektakulären, oder besser, die Suche nach dem Spektakel. Die Gesellschaft des Spektakels meinte schon Guy Debord. In diesem Sinn, sind es doch nur Mitmacher? Sie helfen dem Establishment indem sie das Spektakel fortsetzen. The show must go on! Ich glaube wir brauchen viel mehr Kleinarbeit.

 

Man muss jemand rütteln damit er aufwacht. In diesen Sinn, ist die Provokation Teil des politischen Kampfes. So einfach sind aber die Sachen nicht. Es weckt vielleicht der eine oder andere auf, aber dann macht er das Gegenteil von dem was erwartet wurde. Wenn der Verstand nicht dabei ist, dann hilft das rütteln nicht.

 

Die Wut, die Angst, sich völlig den Gefühlen auszuliefern, ist eine kindliche Haltung. Zeugt von Unreife. Ich will nicht sagen, dass man sich nicht den Gefühlen geben kann und soll, es muss aber immer eine wechselseitige Beziehung zum Verstand geben. Wir sind Kopf und Herz, und eine Balance muss es geben.

 

Das größte Problem ist, dass wir leider, leider, schon zu weit mit der Umweltzerstörung gegangen sind, sodass ein Rückzug uns kaum noch möglich erscheint. Das gängige industrielle Modell basiert auf eine Wegwerfgesellschaft, und man müsste da ganz andere Technologien erfinden, um umweltfreundlich zu sein. Das erklärt auch die Ablehnung des wir. Deutlicher gesagt, wenn das kollektive Projekt unmöglich erscheint, lehnt man jede Aussicht auf eine kollektive Lösung ab.

 

Nun ist es so, dass das Projekt, in dem wir heute leben, gerade das Ergebnis der Ablehnung des wir ist. Klarer ausgedrückt, dieses Projekt ist nichts weiteres als die Sammlung von Individualprojekten, die keinen gesamten, langfristig-plausiblen Plan erlauben. Lehnt man also die kollektive Lösung ab, dann sollte man sich zufrieden geben, mit dem was man heute hat.

 

Da wir leider schon zu weit gegangen sind, und deswegen das Problem uns zu groß erscheint, wird auf den Verstand verzichtet und wir kehren zum Rockzipfel der Mutter zurück. Scheint uns der Weg zu schwierig, dann lehnen wir den Verstand ab, und werden wieder Kinder.

 

Die Gefahr ist, dass diese kindlichen Proteste ausgenützt werden können von Menschen, die von der kindlichen Unschuld nichts haben. Die Rechte wird diese Aktionen benutzen, um ihre Machtpositionen zu stärken.

 

 

*  *  *

 

 

Es wurde versucht das Klimaproblem zu leugnen. Sogar die Effektivität sehr bescheidener Maßnahmen zur Eindämmung des CO2 Ausstoßes, wie das 9 Euro Ticket (ein von 01.06. bis 31.08.22 befristetes Sonderangebot im öffentlichen Personennahverkehr – ÖPNV) und das Tempolimit von 100 km/h wurden angefochten.

 

Hier sehen wir die praktischen Auswirkung des Denialismus (Wissenschaftsleugnung, d.h. die ideologisch motivierte Negierung von Wahrheit und Realität). Umweltprobleme und mögliche Lösungsversuche werden bestritten. Sie wären nichts weiteres als „apokalyptische Visionen“ einiger „Hirnakrobaten“. Auch die Effektivität des „Wir“, also die Möglichkeit eines Kollektivprojekts, wird negiert. Es wäre nichts weiter als der Versuch sein, die Moral einer kleinen Gruppe der Mehrheit aufzuzwingen. Man würde dabei vergeblich versuchen dem Sinnlosen, Sinn zu geben. Die Gesellschaft, so wird argumentiert, sei nichts weiter als eine Sammlung von Individualprojekten, und so soll es auch sein. Jedes weitere wäre das Aufzwingen einer Moral. Und Moral gibt es mehrere, jeder hat die seinige.

 

Verstand wird also durch Moral ersetzt. Beides führen natürlich zur Bestimmung von was „richtig“ und  was „falsch“ ist, aber wo es bei dem ersten Rationalität gibt, gibt es bei der zweiten nur Autorität. Hier wird auch die Unmöglichkeit einer Diskussion klar, denn wenn das Kollektivprojekt negiert wird, wenn es nur Individualprojekte gibt, und wenn jeder das seine hat, was soll da noch diskutiert werden?

 

 

Tempo-100-Limit und 9-Euro Ticket

 

Diejenigen, die gegen die Tempo-100 Grenze und das 9-EuroTicket sind, wollen auf keine persönliche Bequemlichkeit zugunsten eines gemeinschaftlichen Projekts, das umweltfreundlicher sein könnte, verzichten, weil sie an das wir nicht glauben, und ihm keine Zugeständnisse machen wollen. Sie sind mehr besorgt um die Kosten dieser Maßnahmen, weil diese sie individuell betreffen könnte. Sie meinen, jemand müsse sie bezahlen, schweigen aber über die Kosten der Umweltzerstörung, und wer sie bezahlt. Wichtig ist nur das was sie persönlich angeht, darunter fallen dann die höheren Steuern und die Unannehmlichkeiten, die mit solchen Maßnahmen verbunden sind. Für alle weiteren Problemen wird dann Gott, oder andere abstrakte und metaphysische Entitäten wie das Schicksal, der Fortschritt, die Zivilisation, usw. usf. verantwortlich gemacht. Sie kennen nur sich und ihre kleine Welt. Alles was darüber hinaus geht ist dann keine Realpolitik mehr, weil eben nur das was sie persönlich angeht real ist.

 

Das Rezept ist immer das Gleiche: Gewinne werden privatisiert; Kosten werden sozialisiert. Und weil die sozialen Kosten auch die Klimaleugner treffen könnte, wird der Versuch unternommen sie abzulehnen oder ihre Effektivität zu bestreiten. Die Schuld für die Umweltproblem wird dann abstrakten und vagen Entitäten wir der Fortschritt und die Zivilisation zugeschoben. Man müsse für alles einen Preis bezahlen, und die Umweltdegradierung ist eben der Preis den man für den Fortschritt bezahlen muss.

 

Am Ende bezahlen wir den Preis für die Umweltzerstörung. Der Profit der damit gemacht wurde liegt dann schon lange in den Taschen der wenigen, die mit ihren BMWs und Mercedes über Tempo 100 fahren können, und deswegen auch kein Interesse an das Euro-Ticket haben.

 

 

*  *  *

 

 

Als die Wissenschaftsleugnung zu offenkundig wurde, änderte man die Strategie. Man setzte auf Drohungen. Weil die Rechte nur die Rute kennt, wird mit der Rute gedroht. Proteste und Manifestationen dürften nicht akzeptiert werden. Der Rechtsstaat das wäre die Basis der Demokratie und die Kleber betrieben Rechtsbruch.

 

Der politische Kampf ist, wie der Ausdruck es schon sagt, ein Kampf. Was dabei legal und was illegal ist, ist eine sehr umstrittene Frage, und ich zweifle sehr, dass es je möglich sein wird, die genauen Grenzen zu bestimmen, allein schon aus dem Grund, dass eine Demokratie etwas dynamisches ist, und sein sollte, d.h., das was heute legal ist, kann morgen illegal sein und umgekehrt. Nehmen wir z.B. den Streik. Wievielmal hat sich die Gesetzgebung in Bezug auf Streiks geändert?

 

Ich glaube, dass anstatt über Legalität und Illegalität zu diskutieren, eine Debatte über die Anwendung von Gewalt viel sinnvoller wäre, aber auch das ist zweifelhaft. Welche sind die Grenzen, bis zu denen man gehen kann? Sind solche Grenzen überhaupt bestimmbar? Z.B. sich an den Straßen festzukleben, um den Verkehr und die Bewegungsfreiheit zu stören, ist Gewalt oder nicht? Die Kleber würden vielleicht sogar eingestehen, dass ihre Aktionen mit Gewalt verbunden sind, würden aber argumentieren, dass auch die Umweltzerstörung Gewalt benutzt. Gewalt führt zu Gewalt, und was dabei ist Aktion und was nur Reaktion?

 

Das wäre eine sinnvollere Diskussion, wenn Intelligenz geherrscht hätte. Da aber die Dummheit die Oberhand gewann, hat man die eine Seite geleugnet und die Gewalt nur der anderen Seite zugeschrieben. Umweltzerstörung gäbe es gar nicht, das wären nur apokalyptische Visionen einiger Hirnakrobaten. Die Bewegungsfreiheit zu garantieren, darauf komme es an erster Stelle an!

 

Dabei handelt es sich natürlich nur um die individuelle Freiheit. Übrigens, die Aufstellung der individuellen vor den gemeinschaftlichen und sozialen Werten, sagt schon genug über die herrschende Einstellung.

 

Etwas später habe ich dann folgenden kleinen Text über Demokratie und ihre mögliche Veränderung, Gesetze und Regeln eingeschlossen, geschrieben.

 

 

Demokratie und Veränderung

 

Demokratie, wenn sie auch wirklich eine ist, und nicht nur den schönen Namen trägt, um die Privilegien einer kleinen Minderheit zu legitimieren, darf die Dynamik nicht ausschließen. D.h. Demokratie, die echte, nicht die Farce, ist Bewegung, Veränderung. Dazu gehört auch der Kampf und die Auseinandersetzung.

 

Wie bei jeder Institution hat auch die Demokratie ihre Regeln. Diese müssen die Regel der Veränderung der Regeln, die Regel der Veränderung der Regel der Veränderung der Regeln, usw. mit einschließen. Sonst ist es halt keine Demokratie. Selbst die Verfassung kann und sollte veränderbar sein.

 

 

Da Bewegung erwähnt wurde, wurde der Versuch unternommen die Rute in der Bewegung mit einzubauen. Kämpfe man für einer Veränderung der Gesellschaft, so wurde argumentiert, dann müsse man auch damit rechnen, dass die Sachen nicht nur besser sondern auch schlechter werden können. Deutlicher ausgedrückt, es wurde mit der Rechten gedroht, mit der Reichsbürgerbewegung, die „rechtsdrehende Knaller“, AfD, Höcke, usw. usf. Interessant ist zu bemerken, dass die Rechte mit der Rechten droht, was ein klares Eingeständnis der Gefahren einer Rechtsradikalisierung in Deutschland ist.

 

Es wurde also wieder mit dem Apokalypse gedroht. Um das Ende der Welt zu negieren, droht man mit dem Ende der Welt. Die Kleber, das seien ja nur Apokalyptiker. Setzen sie sich aber trotzdem durch, so wird der Rechtsstaat gefährdet, und in das daraus entstehende Vakuum erscheint das Apokalypse der Ultrarechten. Der Kampf lohnt sich also nicht, weil jedenfalls mit dem Untergang zu rechnen ist. So und so.

 

Diese Reihe von Argumenten führen uns aber von den eigentlichen Klebeaktionen weg. Um zu diesen zurückzukommen, habe ich dann folgenden kleinen Text geschrieben.

 

 

Effektivität und Radikalismus

 

Radikale Aktionen von Minderheiten sind meistens nicht sehr ergiebig, d.h. sie verursachen nicht die Veränderungen, die sie anstreben. Eher das Gegenteil, und das ist natürlich sehr schade denn: Ändere die Welt, sie brauch es!

 

Ich stimme den Motivationen zu, ich verstehe die Ungeduld. Trotzdem…

 

(Wie ich schon gesagt habe, gibt es etwas kindliches an der Ungeduld. Und auch der Verstand ist nicht richtig dabei. Aber ich habe Verständnis für die Infragestellung des Verstandes.)

 

 

*  *  *

 

 

Die Diskussion über die richtigen bzw. falschen Kampfmittel führte mich zu dem Versuch einiges zu relativieren, d.h., zu zeigen, dass es nicht nur bei dem Gesetz bleiben darf. Der folgende Text versucht dies klarzustellen.

 

 

Das Richtige und das Falsche, was durführbar ist und was nicht, der Verstand und das kollektive Denken

 

Mit der Einstufung der Kampfmittel in richtig und falsch wird gerade das Moralisieren betrieben, dass den Klebern vorgeworfen wird. Die Kleber seien falsch, oder besser, handeln rechtswidrig, weil sie ihre Ideen, ihren Maßstab und Moral, dem guten Bürger aufzwingen möchten. Dabei wird der veränderte Staat, den die Kleber anstreben, als falsch, und den Staat den wir heute haben als richtig gewertet.

 

Kampfmittel in richtig und falsch einzustufen finde ich sehr wenig ergiebig. Vor noch nicht sehr langer Zeit war das Verbrennen und Vergasen von Menschen richtig, es war Regel und nicht Ausnahme, es gehörte zu den üblichen Mitteln, die benutzt wurden, um Gegnern zu beseitigen. Die Inquisition, nach einen z.Z. gültigen gerichtlichen Verfahren, hat unzählige Menschen zum Scheiterhaufen verurteilt. Wenn man die Geschichte der Menschheit ein bisschen anschaut, wird man sehen, wie viele Male sich das richtig / falsch verändert hat. Die einen kleben sich an den Straßen fest, die anderen rufen die Polizei. Beides sind Kampfmittel und zu diskutieren welche die richtigen (meinetwegen, die moralischen oder die rechtskonformen) und welche die falschen sind, finde ich verlorene Zeit.

 

Viel nützlicher finde ich zu diskutieren welche Kampfmittel und welche Ziele auf langer Sicht durchführbar und welche nicht durchführbar sind. Die heutige Verbrauchergesellschaft ist auf langer Sicht nicht durchführbar. Deswegen wollen sie die Kleber verändern.

 

Es gibt natürlich Leute, die auch diese Diskussion ablehnen mit dem Argument, dass die ganze Menschheit vergänglich ist. Dieser Einwand verkennt den Unterschied zwischen langfristigen und sehr langfristigen Zielen. Die Tatsache, dass es den Menschen nicht immer geben wird, ist doch kein Grund den Versuch das Leben für die nächsten hundert Jahre zu garantieren, aufzugeben. Jeder von uns, in seinen täglichen Leben, versucht das Beste daraus zu machen, obwohl er weiß, dass am Ende der Tod auf ihn wartet.

 

Was man genau unter langfristiger Planung versteht, welche Ziele und Kampfmittel durchführbar und welche nicht durchführbar sind, diese Fragen zu beantworten, ist keine einfache Aufgabe und sie kann nicht die Verantwortung eines Einzelnen sein. Deswegen brauchen wir ein gesellschaftliches Projekt, deswegen brauchen wir das wir.

 

Natürlich gibt es Menschen die meinen, dass selbst das Planen, sei es kurz- oder langfristig, und die ganze Diskussion über ihre Durchführbarkeit, sinnlos ist. Einige meinen die ganze Menschheit würde uns nichts angehen. Man sollte sich lieber um sich selbst kümmern, denn für alles weitere gäbe es Gott und den Markt. Und es gibt sogar die, die meinen, dass der Verstand und die Gedanken uns nur in der Irre führen. Selbstverständlich habe ich für solche Leute kein Argument.

 

 

*  *  *

 

 

Es wurde gesagt, dass die Kleber mit ihren illegalen Methoden den Rechtsstaat gefährden würden. Es wurde dann mit der AfD (Alternative für Deutschland) gedroht. Würde man die illegalen Kampfmittel der Kleber erlauben, dann könne man gegen die AfD und ihre Methoden auch nichts sagen.

 

Wie ich bereits schon einmal gesagt habe, ist interessant zu bemerken, dass die Rechte mit der Rechten droht. Hier gibt es ein klares Eingeständnis, dass nicht die Linke sondern die Rechte die eigentliche Gefahr ist.

 

Verleugnet wurde auch der politische Kampf per se. Es gäbe gar keine Notwendigkeit für Klebeaktionen. Sie würden ihre Meinung höher als die Demokratie setzen.

 

Diese Argumentation lehnt die Verbindung von Theorie und Praxis, d.h., Aussagen mit Handlungen ab. Die politische Diskussion, und was dazu führt, die Notwendigkeit der Verbreitung von Ideen und Gedanken, wird bestritten. Es gibt eben nur Meinungen und Ansichten, jeder hat die seinige, und sollte sie auch für sich behalten.

 

Dabei wird zweifaches abgelehnt: die Bewegung und die Gesellschaft. Die Möglichkeit einer Transformation wird abgewiesen. Es herrscht eine erstarrte Welt. Es gibt verschiedene Ansichten und Meinungen, aber die gegenseitige Vernetzung und Verbindung, die den Anstoß für entsprechende Veränderungen geben könnte, wird negiert. Auch das gesellschaftliche Projekt, dass ja aus einer solchen politischen Debatte entstehen könnte, wird unmöglich gemacht. Demokratie ist vor allem der Rechtsstaat. Recht wird vor der politischen Debatte, die natürlich das herrschende Recht verändern könnte, gestellt. Wie die Tafeln Moses gibt es das Gesetz, dass, unabdingbar und unantastbar, vor allem und über alles herrscht. In dieser alttestamentarischen Welt möchte ich nicht leben!

 

Der Versuch wird unternommen die Mächtigkeit des Gesetzes herauszustellen. Im Grunde wird aber das Gegenteil zugegeben. Wenn nämlich das Festkleben von ein paar Jungens und Mädchens den Staat gefährdet, dann zeugt es von seiner Fragilität. Und die Angst vor einer politischen Debatte, beweist wie stark diese sein kann, und wie viel Möglichkeiten zur Änderung der zurzeit gültigen Regeln sie bietet.

 

Da ich in meinem Beitrag das Verbrennen und Vergasen von Menschen erwähnt hatte, wurde daraufhin Godwin's Law „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an“ zitiert. Die Angemessenheit einer Aussage, ob sie wahr oder falsch ist, spielt also keine Rolle. Wichtig ist, dass etwas neues geboten wird. Dabei muss ich folgendes zufügen: Wenn die Rechte in ihrer Argumentation nichts neues zu bieten hat, dann bin doch nicht ich, der nur darauf aufmerksam gemacht hat, Schuld!

 

 

*  *  *

 

 

In dem folgenden Beitrag handelt es sich noch immer um die Legitimität der Kleberaktionen. Von einem Teilnehmer der Diskussion wurde argumentiert, dass man nicht die Polizei mit den Kleberaktionen vergleichen könne. Eins wäre legal, das andere illegal. Ich hatte nämlich diesen Vergleich gemacht (siehe oben „Das Richtige und das Falsche, was durführbar ist und was nicht…“).

 

 

Der Versuch so einiges in dem richtigen Blickwinkel zu setzen

 

Selbstverständlich muss es gewisse Regeln geben. Man kann nicht immer alles vom Anfang an anfangen. Die Regeln spiegeln ein gewisser Konsens, den es geben muss, um ein gemeinsames Leben zu gestalten. Und selbstverständlich ist ein Bürgerkrieg etwas sehr schmerzliches und das catch-as-catch-can (alles ist erlaubt) führt uns sicherlich nicht zu einer gerechteren Gesellschaft. Was ich aber sagen wollte und auch gesagt habe ist, dass diese Regeln nicht absolutes haben, sie sind veränderlich und die Kleber versuchen die Gesellschaft auf die Notwendigkeit einer Veränderung aufmerksam zu machen.

 

Dass die Mittel, die die Kleber benutzen, nicht sehr effektiv sind, das habe ich auch ein paar Mal gesagt. Ich habe gesagt, dass Kampfmittel durchführbar sein müssen, und die der Kleber sind es nicht.

 

Dies ändert aber nichts an dem Kern der Diskussion: Regeln müssen verändert werden um bessere Lebensbedingungen zu schaffen, insbesondere die Umweltzerstörung muss gestoppt werden. Um das zu ermöglichen muss gekämpft werden. Von alleine kommt so etwas nicht.

 

Leider sind aber einige nur an der Erhaltung ihrer Privilegien interessiert. Andere werden von der Angst der Risiken, die natürlich eine Veränderung nicht ausschließen kann, getrieben. Die Mehrheit wird aber von den Medien, die die Interessen einer Minderheit vertreten, manipuliert. Veränderungen sind also keine leichte Aufgabe. Dies erklärt die Ungeduld.

 

 

Ich glaube ich habe es ziemlich deutlich gelassen, dass ich mit den Methoden der Kleber nicht einverstanden bin. Nicht aus moralischen oder ideologischen Gründen. Einfach weil ich nicht glaube, dass so etwas funktionieren kann. Aktionen wie die der Kleber verstärken die Rechte. Aber ich bewundere ihren Mut.

 

„Glotz nicht so romantisch!“ hat Brecht einmal gesagt. „Glotzt nicht so verlegenen in eurer Ausweglosigkeit“ würde ich zusätzlich noch sagen. Die Kleber machen etwas. Es ist, nach meiner Meinung, das Falsche, aber schlimmer als das Falsche ist nichts zu machen. Diese letzte Aussage stimmt meistens nicht, aber in diesem Fall, wo wir wahrscheinlich tatsächlich die Letzte Generation sind, ist sie zutreffend, denn für das Richtige ist es dann wahrscheinlich zu spät.

 

 

*  *  *

 

 

Als von Energiesparen und Konsumverzicht die Rede war, was ja nach meiner Meinung zu dem Kern der Maßnahmen zur Verbesserung der Klimalage gehört, wurde mit der geringen Effektivität dieser Maßnahmen argumentiert. Die Entwicklungsländer und die Armen würden da nicht mitmachen. Man brauche billigere Lebensmittel und nicht Biolebensmittel. Billige Lebensmittel können nur durch Massenproduktion erzeugt werden, und diese verursachen Umweltschäden. Man ist eben in einer Sackgasse!

 

Folgender Beitrag nimmt Stellung zu diesem Problem. Zwar ist der Beitrag etwas kompliziert formuliert, aber das Wesentliche steht dort klipp und klar: die meiste Umweltverschmutzung wird von den Industrieländern verursacht und die Entwicklungsländer sind nur marginal daran beteiligt. In diesem Beitrag wird ein Zitat des Physikers Vince Ebert in einen ZEIT Gespräch erwähnt.

 

 

Klimaschäden und Entwicklung

 

Wenn man ein Phänomen und dessen Beziehung zu Zeit studiert, d.h., man untersucht die zeitliche Entwicklung einer gewissen Größe, dann kann man den Akzent auf die Entwicklung selbst, auf die Veränderung der Entwicklung, auf die Veränderung der Veränderung der Entwicklung, usw. setzen. In Mathematik spricht man dann von Funktion (oder Abbildung), die Ableitung der Funktion, die zweite Ableitung, usw. Die Ableitung kann man auch die Wachstumsrate, die zweite Ableitung kann man das Wachstum der Wachstumsrate usw. nennen.

 

Nun ist es so, dass es da eine gewisse Unabhängigkeit gibt, d.h., die Funktion kann sehr hohe Werte haben, sie nimmt aber ab. Oder, die Funktion wächst aber die Wachstumsrate fällt. Nehmen wir z.B. an, es gäbe eine Messung der Umweltschäden in Deutschland, und die Zahlen in 2020, 2021 und 2022 wären 100, 120 bzw. 130. Dann wachsen zwar die Umweltschäden aber die Wachstumsrate fällt. Wie sollte so etwas interpretiert werden? Ist die Entwicklung positiv oder negativ zu werten?

 

Man kann mit Zahlen, Daten und Statistik sehr viel Unfug treiben. Natürlich kann man das auch ohne Zahlen, aber es ist schwieriger, d.h., es ist leichter zu erkennen.

 

Ich will keine Daten zitieren, aber, aus dem Gedächtnis würde ich sagen, dass die Industrieländer den größten Teil der Umweltschäden verursachen. Obwohl dort der Schaden noch wächst, ist die Wachstumsrate am Fallen (siehe z.B. CO2 -Ausstoß weltweit bis 2021 in https://de.statista.com).

 

Die Entwicklungsländer befinden sich, aus naheliegenden Gründen, in einer anderen Situation. Beides, Schäden und Wachstumsrate der Schäden sind am Wachsen.

 

Wo setzt man den Akzent? In den Schäden selbst, in der Wachstumsrate der Schäden oder in dem Verlauf der Wachstumsrate der Schäden? Das ist natürlich eine politische Frage und sehr viele starke und große Interessen sind hier am Spiel.

 

Wenn Herr Ebert meint, dass „wir in den reichen Ländern können uns einen gewissen Verzicht vielleicht leisten. Wir können kleinere Wohnungen mieten, kein Fleisch essen und mit dem Zug statt mit dem Flieger reisen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Hunderte Millionen Menschen in Schwellenländern einen berechtigten Wunsch nach Wachstum haben.“ dann setzt er den Akzent in dem Verlauf der Wachstumsrate. Einfacher ausgedrückt, er sagt, dass es kein Sinn hat die Wachstumsrate der Schäden in den Industriestaaten zu reduzieren, wenn sie in den Entwicklungsländern nur steigt. Die Schuld der Umweltschäden wird also den Entwicklungsländern zugeschoben, weil man den Akzent auf den Verlauft der Wachstumsrate anstatt an den Schäden selbst setzt. Welche Interessen er hier vertritt, müsste eigentlich klar sein.

 

 

Was in dem obigen Beitrag nicht gesagt wurde ist, dass die Klimaleugner hier die alte Taktik des divide et impera (teile und herrsche) benutzen. Wenn sie die Schuld an der Umweltverschmutzung den Armen zuschieben, dann wollen sie die Opposition teilen. An der einen Seite gibt es die Entwicklungsländer, die nur an Fortschritt interessiert sind. Die Armen wollen halt fressen, und sind wenig an Klimaverbesserung interessiert. Auf der anderen Seite gibt es die Söhne reicher Eltern, die mit ihren Utopien, ein Netz von wirklichkeitsfremden Spinnereien spinnen.

 

Es wäre durchaus angebracht wenn die Industrieländer den Wachstum etwas eindämmen würden, damit die Entwicklungsländer mehr wachsen könnten. Hat man nämlich, um zu wachsen, einen Schaden verursacht, dann ist es durchaus vertretbar, dass jetzt diejenigen die ihn verursacht haben den größten Teil der Kosten zahlen, damit die anderen, die Unterentwickelten, den Vorsprung überwinden können. So ein räsonieren stößt verständlicherweise auf starke Interessen in den Industrieländern und ist deswegen sehr schwierig zu vertreten.

 

Entwicklung ist verbunden mit technischem Fortschritt und dieser verursacht leider Umweltschäden. Ich stimme völlig zu, dass es nicht so sein braucht. Nichts muss so sein, wie es ist. Dazu gehört aber ein ganz anderes Industriemodell und daran ist kurzfristig nicht zu denken.

 

 

*  *  *

 

 

Wenn Argumente nicht helfen seinen Standpunkt durchzusetzen, dann wird man persönlich, d.h., man lenkt von den Ideen ab, und versucht die Aufmerksamkeit auf die Person, die sie ausspricht, zu richten. Die Apokalypse wurde schon erwähnt. Jetz kam noch die Systemtheorie dazu, d.h., man wollte wahrscheinlich aufmerksam machen, dass die Kleber ja nur Theoretiker sind. Es handle sich hier nur um abstrakte und wirklichkeitsfremde Spinnereien. Zusätzlich, so wurde gesagt, würden die meisten Kleber aus reichen Verhältnissen stammen, und am lautesten schreien immer diejenigen deren materielle Existenzfrage nicht bedroht ist. Nur so könnte man erklären, dass sich emotionale Überschüsse in Aktivismus umsetzen. Die Retter der Menschheit seien in Wirklichkeit nur an der Dursetzung ihrer privilegierten Lebensart interessiert.

 

Dabei entsteht natürlich ein Widerspruch, denn wenn es sich um eine privilegierte Lebensart handelt, dann können sie nicht an ihrer Durchsetzung interessiert sein. Wird die Durchsetzung erreicht, dann ist sie nicht mehr privilegiert. Aber soweit können die Klimaleugner nicht denken.

 

Die Klimaaktivisten, so wurde weiter argumentiert, wollen ihre romantische Naturvorstellungen durchbringen. Sie würden überwiegend aus akademischen Elternhäusern kommen und, was natürlich noch gravierender ist, über einen hohen Bildungsgrad verfügen! Ich habe dann folgenden Beitrag geschrieben.

 

 

Wenn man keine Argumente hat, dann wird man halt persönlich

 

Wer keine Argumente gegen gewisse Ideen hat, der greift dann die Träger der Ideen an, weil es halt einfacher und bequemer ist Personen anzugreifen, als sich mit deren Ideen auseinanderzusetzen.

 

Selbstverständlich ist das Studium ein Privilegium. In diesem Sinne ist die Wissenschaft das Produkt einer privilegierten Schicht. D.h. aber noch lange nicht, dass deswegen die Wissenschaft nicht zur Erkenntnis und zu einer Verbesserung der Welt, um inklusive Privilegien abzubauen, führen kann. Wer dies nicht erkennt, verwirft die ganze Geschichte der Menschheit, die ja ein Ergebnis des wissenschaftlichen Fortschritts ist (siehe Wissenschaftsleugnung oder Denialismus).

 

Privilegierte haben sich oft gegen Privilegien eingesetzt. Selbstverständlich möchten die meisten Privilegierten ihre Privilegien beibehalten, aber man sollte nicht Personen in Kategorien einordnen. Dies bekräftigt Vorurteile. Die Sachen sind nicht linear und nicht immer so einfach, wie man sie gerne machen möchte.

 

Man kann doch nicht jemands kritische Haltung ablehnen, nur weil er einen hohen Lebensstandard führt. Schlimmer noch ist den Bildungsgrad zu benutzen, um diese Vorurteile zu bekräftigen. Das ist nichts weiteres als eine Mischung von Ressentiment, Diskriminierung und Wissenschaftsleugnung!

 

 

Ein Teilnehmer des Forum argumentierte, dass wenn einer aus einen wohlhabenden Elternhaus kommt, dann hat er ein ganz anders Welt- und Menschenbild als einer der aus einfachen Verhältnissen kommt. Zusätzlich hat dieser Teilnehmer gesagt, dass ihm hauptsächlich die psychologische Ebene interessiert, d.h., wie man zu solchen Ideen, wie die Kleber es vertreten, kommt. Darauf habe ich im folgenden Beitrag Stellung genommen.

 

 

Die Herkunft und das Psychologisieren

 

Man kann natürlich der Ansicht sein, dass Herkunft, Bildung und Lebensstil ausschlaggebend sind für wie man denkt, und welche Interessen man vertritt. Ich finde das zu einfach. Zwar mag es für die Mehrheit stimmen, man verkennt dann aber die Minderheit, die es auch gibt. Und man sollte nicht jeden nach der Mehrheit einstufen. Die Geschichte wird von Minderheiten gemacht. Der Mehrheit läuft immer nur mit. Leider.

 

Ich will nicht Beispiele geben, aber es gibt hunderte, tausende. Ich könnte mit Romeo und Julia, die aus feindlichen Häusern stammten, und doch imstande waren sich zu lieben und zu verstehen, anfangen. Und ich könnte bei der Arbeiterbewegung, wo die meisten die eine Führerrolle übernahmen, nicht der Arbeiterklasse angehörten, enden.

 

Es wurde gesagt, dass der Kampf um bessere Umweltbedingungen eine Sache derjenigen, die im Wohlstand leben, sei, denn die Ärmeren hätten da andere Sorgen und Notwendigkeiten. Gerade das Gegenteil sollte eigentlich der Fall sein. Die Umweltkatastrophe, wie alle Katastrophen, wird hauptsächlich die ärmeren Schichten treffen. Die Reichen kaufen sich eine Insel in der Karibik oder ein Stück Land in Mars. Und die Schäden bei der Erhöhung der Temperaturen benachteiligen am meisten Entwicklungsländern, weil dort die Landwirtschaft, die am härtesten von dem Klimawandel getroffen wird, eine wichtigere Rolle als in den Industrieländern spielt.

 

Nur um ein weiteres Beispiel zu geben nenne ich die USA. Dort konzentrieren sich Macht und Reichtum. Und gerade dort gibt es die entschiedensten Widersacher der Umweltbewegung, denn die großen wirtschaftlichen Interessen sind an einer Verminderung der Umweltverschmutzung wenig interessiert.

 

Man kann natürlich fragen warum einige Reiche die Sache der Armen vertreten und man kann Betrug dahinter vermuten. Man sollte dann aber auch fragen warum so viele Arme die Sache der Reichen vertreten und man sollte auch Betrug dahinter vermuten.

 

Ja, so manches läuft umgekehrt in der Welt. Mich stört aber weniger, dass Reiche die Sache der Armen als Arme die Sache der Reichen vertreten. Es hängt eben davon ab auf welcher Seite man ist.

 

Wichtig scheint mir auf jeden Fall die Leute nicht automatisch nach ihrer Herkunft einzustufen. Dass die meisten Reichen die Sache der Reichen vertreten, heißt noch lange nicht, dass alle Reichen diese Sache vertreten müssen. Das ist eine grobe Vereinfachung, die den Unterschied zwischen das Meiste und das All verkennt. Die bi-polare Haltung, die die Sachen nur in zwei Kategorien, dass All und das Nichts einzustufen weiß, zeugt von Beschränktheit, denn sie verkennt die Wirklichkeit. Die ganze Welt bewegt sich nämlich zwischen diese zwei Extremen.

 

Tatsächlich kann sich nicht jeder ein Elektroauto leisten. Ich z.B. fahre kleine Strecken mit dem Fahrrad, benutze die öffentlichen Verkehrsmittel für größere Strecken und benutze das Auto nur einmal in der Woche zum Einkaufen.

 

Auch kann sich nicht jeder organisches Essen leisten. Aber es gibt tausend andere Möglichkeiten sich für die ökologische Frage einzusetzen ohne die Haushaltskasse zu belasten.

 

Der Herkunft den Vorrang zu geben, anstatt sich mit der Idee selbst zu beschäftigen, würde ich psychologisieren nennen. Es bedeutet die individuelle über die allgemeine Ebene zu stellen. Wenn jemand etwas sagt, dann kommt an erster Stelle, das was er sagt. Nur später sollte man besorgt sein, warum und wofür er es gesagt hat.

 

Um diesen Beitrag zu beenden mochte ich als Beispiel das Ozonloch nehmen. Das Problem wurde erstmals 1985 festgestellt. Die Aufmerksamkeit darauf wurde durch wissenschaftliche Berichte ermöglicht. Es folgte die 1990 Londoner Konferenz. Diese wurde nur durch den Einsatz hunderte, tausende Menschen möglich gemacht. Es folgten Reglungen zur Einstellung von FCKW (Fluor-Chlor-Kohlen-Wasserstoff der als Kälte- bzw. Lösemittel benutzt wird). Tatsächlich hat sich das Ozonloch in Folge dieser Maßnahmen reduziert, und die Schäden der UV-Strahlen sind kleiner geworden.

 

Bei diesem Beispiel sieht man, dass die ökologische Frage nichts mit Apokalypse, pseudoreligiöse Spinnerei und Populismus zu tun hat. Diese Etikettierung dient nur zur Ablehnung der Debatte, die notwendig ist, um das Problem zu überwinden. Ökologie ist nicht nur eine Sache der Wohlhabenden. Es geht alle an, hauptsätzlich die Ärmeren in ärmeren Ländern. Im Fall des Ozonlochs können diese sich kein Sonnenschutzmittel leisten, und am meisten betroffen sind Land- und Straßenarbeiter, die den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt sind. Bei diesem Beispiel sieht man, dass eine Veränderung möglich ist, nichts mit Utopie zu tun hat, und dass eine Änderung der Regeln notwendig ist, und nur durch politischen Druck ermöglicht wird.

 

Natürlich ist der CO2-Ausstoß ein viel schwierigeres Problem als das Ozonloch. Auch hat sich die Welt sehr verändert. Es herrscht viel mehr Spannung, und der Verstand, der die Basis des Verständnisses liefert, hat sichtlich abgenommen. Aber in beiden Fällen handelt es sich um ein ähnliches Problem, das auf die Grenzen unseres Industrialisierungsmodells hinweist.

 

Es gibt natürlich immer Leute, die alles beim alten lassen wollen, die gegen jede Veränderung reagieren, weil sie sich in der gegebenen Situation komfortabel fühlen, weil sie ihre Rechte und Privilegien erhalten möchten. Deswegen ist ein Kampf notwendig. Ein Stimmzettel in eine Urne zu werfen genügt nicht. Das ist zu wenig um Demokratie zu verwirklichen.

 

 

*  *  *

 

 

Es folgte so allerlei reaktionäres um zu zeigen, dass bei den Klebern es sich nicht um Kämpfer einer wichtigen Sache handelt, sondern um reiche Söhne reicher Familien, die ihre Langeweile mit Rampenlicht vertreiben wollen.

 

Mit diesen Parolen will man bestenfalls das schlechte Gewissen schweigen. Das Klimax dieser Gewissensverdrängung wurde durch ein Kommentar, das sein Ursprung in einer Bild-Zeitungnachricht hat, erreicht. Dort heißt es, zwei Klimaaktivisten seien erwischt worden als sie eine Flugmaschine nach Bali nahmen, um dort ihre Ferien zu genießen, wobei sie kurz vorher ein Gerichtstermin abgesagt hatten.

 

Nun was soll ich viel dazu sagen, außer dass es unter meine Würde ist Bildnachrichten zu kommentieren. Dies wurde auch korrekterweise von einer Teilnehmerin erkannt. Sie fände es befremdlich und durchaus bezeichnend, dass erstens die Bild-Zeitung als zitierfähige Quelle, zweitens dass das Fehlverhalten zweier Teilnehmer zur Diffamierung einer ganzen Bewegung benutzt wird.

 

Ferner wurde von einem weiteren Diskussionsteilnehmer argumentiert, dass die Kampfmethoden der Kleber nicht ihren Zielen, d.h. die Lenkung der Aufmerksamkeit auf den Klima-Wandel, dienen würden. Die Kleberei sei unproduktiv. Die Mittel dienten nicht dem Zweck. Anstatt über das Klima würde jetzt eher über das Verhalten der Klimaaktivisten diskutiert.

 

Ich will mal davon ausgehen, dass derjenige der diese Ideen ausgesprochen hat, wohlmeinend ist. Die meisten sind es aber nicht. Die Meisten versuchen uns gerade von dem Klimaproblem abzulenken, indem sie die ganze Aufmerksamkeit auf die Mittel anstatt das Ziel, das die Kleber verfolgen, zu lenken. Der Fokus auf die Mittel ist nämlich nicht von den Klebern beabsichtigt, sondern ist Folge der Hetzkampagne reaktionärer Medien.

 

Über die Konvergenz und / oder Divergenz von Mittel und Zweck wird hier noch einiges  gesagt werden. Auch habe ich am 14.08.2019 allerlei zu diesem Thema im Thread „Geschichten aus der DDR“ im Literaturforum (siehe auch „Ein Selbstgespräch über die Mittel zum Zweck … – Geschichten aus der DDR, Teil III“, gepostet Januar 2020, in meinem Blog „Fühlgedanken“) gesagt.

 

Ich will mich nicht wiederholen, aber diese Problematik lässt sich leider nicht umgehen. Ziel und Mittel sind nämlich meistens eng verstrickt weil Ziele nur erreicht werden, wenn die Mittel es ermöglichen.

 

In Wirklichkeit ist die Sache komplizierter, denn Mittel und Ziel / Zweck sind nicht in sich abgeschlossene Phasen eines Prozesses, sondern fließen ständig ineinander. Etappe für Etappe werden Mittel zum Ziel gemacht, und das Ziel entsteht aus den Mitteln, die benutzt werden, um es zu konkretisieren. Weist man jedes Mittel, eins nach dem anderen, ab, so wird auch das Ziel unmöglich gemacht. Und das ist auch meistens der Sinn der ganzen Sache. Auf einer heuchlerischen Art stellt man so hohe Forderungen an die Mitteln, die benutzt werden dürfen, dass das Ziel unrealisierbar wird.

 

An dieser Stelle muss gesagt werden, dass Theorie ohne Praxis, d.h. Ziele ohne die Mittel, die imstande sind sie zu konkretisieren, überhaupt keinen Sinn hat. Sagt einer, dass er für eine gewisse Sache ist, lehnt aber die vorgeschlagenen Methoden ab, dann muss er machbare Alternativen bieten. Tut er das nicht, bleibt er vage, diffus oder abstrakt, dann bekräftigt er den Verdacht, dass er gegen die Sache ist.

 

Ungefähr in diesem Sinn, habe ich dann folgenden Beitrag geschrieben.

 

 

Die Spitze des Eisbergs

 

Das ökologische Problem ist in Wirklichkeit nur die Spitze des Eisbergs. Es ist die Folge eines industriellen Modells und einer Konsumgesellschaft, die die Welt und die Menschen ausplündert. Gerade weil so vieles unter Wasser liegt, ist es ein schwieriges Problem. Schwierige Probleme brauchen mächtige Kräfte, um von der Gesellschaft gemeistert zu werden. Da die meisten Kräfte, die heute an der Macht sind, wenig Interesse an einer radikalen Änderung der Weltverhältnisse zeigen, bedarf es dazu der Einigung breiter Massen der Bevölkerung.

 

Die Kleber mit ihren radikalen und enervierenden Protesten sind eine sehr kleine Gruppe, und ich zweifle sehr, dass sie imstande sind diese breiten Massen zu motivieren und zu bewegen.

 

Schlimmer aber als das Falsche zu machen, ist nichts zu machen. Mit diesem Satz bin ich nicht ganz einverstanden, aber trotzdem … Nichts machen ist schlimm, sehr schlimm. Nur zusehen, den Kopf schütteln und meinen Na ja, so geht es nicht, und dann stumm bleiben und zusehen, nur zusehen, und nichts tun, damit kann ich keineswegs einverstanden sein.

 

Und dann ist es ja so, dass wir heute in einen Ausnahmezustand leben, denn wenn wir noch viel warten, dann könnte es zu spät sein, das Richtige zu machen. Es könnte zu spät sein irgendetwas zu machen. Deswegen ist es ja die letzte Generation! Es ist die letzte Generation, die es falsch macht, aber wie soll es richtig machen, eine Generation die es nicht mehr gibt?

 

 

*  *  *

 

 

Bis zu diesem Moment hatte ich versucht der Kritik am Kapitalismus auszuweichen. Erstens weil ich keine Polemik wollte. Ich wollte jenseits von Gut und Böse, links und rechts, Kapitalismus und Sozialismus bleiben. Zweitens weil ich tatsächlich glaube, dass die ökologische Problematik die Polarisierung dieses Dualismus überwinden kann.

 

Es hat aber nichts geholfen. Ich weiß nicht ob es das Wort „Konsumgesellschaft“ war, oder ob derjenige der den Kommentar gemacht hat, von anderen Beiträgen in anderen Threads, von meiner kritischen Einstellung gegenüber den Kapitalismus wusste. Jedenfalls wurde die Aufmerksamkeit auf die „kapitalistische Produktionsweise“ gelenkt. Ich habe daraufhin folgenden Beitrag geschrieben.

 

 

Der Kern ist die kapitalistische Produktionsweise, obwohl …

(Jenseits von Gut und Böse)

 

Ja, der Kern ist die kapitalistische Produktionsweise, obwohl… Die Produktionsweise und die damit zusammenhängende Umweltverschmutzung in der damaligen Sowjetunion (SU) und Nachbarstaaten (nicht zu vergessen das heutige China), die sich ja sozialistisch nannten / nennen, war auch nicht sehr viel anders. Man kann natürlich meinen, dass das was dort herrschte / herrscht, gar kein richtiger Sozialismus war / ist, man verlässt aber dann den Bereich der Wirklichkeit (Realer Sozialismus) und nähert sich der Utopie. Ich habe nichts gegen Utopien, ganz im Gegenteil, aber die Argumentation wird kompliziert. Also lassen wir das mal.

 

 

Ökologische Probleme mit kapitalistischen Mitteln zu lösen, daran zweifele ich sehr, und ich werde in diesem Beitrag, Beispiele und Argumente liefern, die dies veranschaulichen.

 

Der Kapitalismus ist gewinnorientiert und zwar kurzfristiger Gewinn. Wenn man eine Aktie kaufen will, dann gibt es, als wichtige Auskunft, den zu erwartenden Preis der Aktie in 52 Wochen (das ist ungefähr ein Jahr). Eine weitere wichtige Auskunft ist die jährliche Bilanz, also wieder eine Zeitspanne von einem Jahr. Auch die Hauptversammlung der Aktionäre, die die Richtlinien und die Direktion des Unternehmens bestimmt, findet jährlich statt.

 

Die Welt, oder besser, die Umwelt, lässt sich aber nicht aus einer jährlichen Perspektive planen. Auch ist es fraglich in wie weit man langfristigen Gewinn aus der Senkung des CO2 Ausstoßes machen kann. Es ist also sehr fraglich in wie weit ein Staat, der vom Markt orientiert wird, Maßnahmen zu einer Verbesserung der Umweltzustände treffen kann.

 

Ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten liefern die Verkehrsmittel. Private Verkehrsmittel, wie z.B. das Auto, verursachen viel mehr CO2 Ausstoß pro Kopf als öffentliche Verkehrsmittel, wie z.B. die Bahn. Nun ist es so, dass aus naheliegenden Gründen, durch den Verkauf von Autos viel mehr Gewinn als durch den Verkauf von Lokomotiven oder Straßenbahnen erzeugt wird. Das Ergebnis liegt auf der Hand und kann erklären, warum in den letzten Jahrzehnten die notwendigen Maßnahmen zur Verstärkung der Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel immer wieder hinausgeschoben wurden.

 

In diesen Zusammenhang kann die Privatisierung der Bundesbahn erwähnt werden. Wer ein bisschen älter ist, wird sich erinnern, dass Deutschland ein dichtes Bahnnetz hatte. Mit der Privatisierung wurde Gewinn an erster Stelle gesetzt, und die unrentablen Strecken wurden stillgelegt. Das Ergebnis war eine Schrumpfung des Bahnnetzes, und die Umwelt muss heute die Kosten dafür bezahlen.

 

Dieselbe Logik steckt hinter den absurden Verbrauch von Energie, der ständig durch die Erfindung neuer Apparate und Geräte gefördert wird. Ein eklatantes Beispiel liefert der Standby-Betrieb. Der Kapitalismus lebt vom Verbrauch und deswegen wird Verbrauch angekurbelt. Verbrauch verursacht aber Energiekonsum und dieser verstärkt den CO2 Ausstoß. Immer wieder werden neue Notwendigkeiten erfunden. Dahinter stecken neue Produkte und mehr Energieverbrauch.

 

Die Wegwerfgesellschaft und die geplante Obsoleszenz fördern ständig die Ersetzung der vorhandenen Produkten. Die Förderung der Wirtschaft, Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, Vollbeschäftigung, Verbesserung und Modernisierung des Produktionsprozesses werden als Alibi benutzt, um dieses absurde Modell zu rechtfertigen. In Wirklichkeit aber profitieren davon nur ein paar Dutzend, und die Umwelt wird auf zweifacher Basis belastet. Einerseits wird die Abfallentsorgung stark beansprucht, anderseits verursacht die damit verbundene Steigerung der Produktion zusätzlichen Energieverbrauch.

 

Natürlich müssen Arbeitsplätze geschaffen werden, aber nicht auf Kosten der Umwelt! Dieses künstliche Dilemma Arbeitsplätze x Umwelt wurde vom Kapitalismus erfunden, um seine Interessen besser durchzusetzen. Arbeitsplätze können im Dienste der Umwelt durch arbeitsintensivere, energiesparende Prozesse und haltbare Produkte geschaffen werden.

 

Was aber die größte Barriere des Kapitalismus in der Verminderung des CO2 Ausstoßes ist, ist die fehlende internationale Verständigung, die durch die Krisen und den ständigen Konkurrenzstreit geschaffen wird. Ein gewisses Einverständnis und eine Übereinstimmung der Standpunkte muss es geben, um das Problem zu meistern. Ich glaube nicht viele Argumente benutzen zu müssen für die Tatsache, dass es völlig sinnlos ist, den CO2 Ausstoß in Europa abzusetzen, wenn die USA ihn nur erhöht. Glaubt jemand ehrlich an der Möglichkeit des Kapitalismus, der ja auf Wettbewerb, Kampf und Konkurrenz basiert ist, diese notwendige Einigkeit zu schaffen?

 

Die Umweltverschmutzung ist ein globales Problem und kann nur global gemeistert werden. Schonmaßnahmen verursachen Kosten und es muss ein Kriterium gefunden werden, um auf einer globalen Basis diese Kosten auch zu teilen. Wie ist dies möglich in einer vom Kapitalismus völlig zersplitterten Welt?

 

Ich könnte unzählige weitere Beispiele für die Tatsache bringen, dass der Kapitalismus und die damit zusammenhängende Industrie und Konsumgesellschaft unvereinbar mit umweltschonenden Maßnahmen sind, aber ich will bei den obigen Tatsachen bleiben, um mich nicht zu sehr auszuweiten.

 

Natürlich ist es möglich, mit einem sehr großen Druck der Gesellschaft, Reglementierungen einzuführen, die die Umweltschäden eindämmen. Nur dieser Druck könnte die mächtigen wirtschaftlichen Interessen, die nur an einer Erhaltung des Status quo interessiert sind, ausbalancieren. Diese Maßnahmen müssten vom Staatsapparat organisiert und geregelt werden. Strikt gesehen, bedeutet es eine Verstärkung dieses Staatsapparats. Strikt gesehen, bedeutet es ein Verlassen des Bereichs der reinen Marktwirtschaft.

 

Berücksichtigt werden muss auch die Tatsache, dass die Unternehmen diese Regeln zu umgehen versuchen werden. Dies ist in der Vergangenheit schon ein paar Mal passiert, und ich sehe keinen Grund, dass es nochmals geschieht. Der Kapitalismus ist spezialisiert in der Suche nach Lücken in der Gesetzgebung. Damit wird der Gewinn gesteigert. Eine ganze Reihe von Anwaltskanzleien sind auf diesem Gebiet spezialisiert, und die Unternehmen benutzen sie gerne und oft. Ich kann mir nicht denken, wie eine ständige Suche nach Lücken und Löchern, um sie natürlich auch noch auszuweiten, imstande sein kann, ein Netz aufzubauen, das den Umwelt-Ballast tragen kann.

 

Ein gutes Beispiel für den Unfug der im Kapitalismus mit angeblich umweltfreundlichen Maßnahmen getroffen wird, liefert der Hybridwagen. Obwohl er Energie im Verkehr spart, verursacht die Produktion eines solches Autos einen größeren Energieverbrauch, der in den meisten Fällen von der Einsparung in der Benutzung nicht ausgeglichen werden kann (siehe z.B. www.energie-experten.ch). Diese Tatsache wird verschwiegen, denn die Unternehmen sind natürlich nur an dem Verkauf der Autos interessiert.

 

Hier sehen wir die Schwierigkeit. Zwischen einem Kapitalismus, der nicht imstande zu sein scheint, das Problem zu meistern, und einem Sozialismus den es (noch) nicht gibt, sehe ich keinen Ausweg. Einen Ausweg muss es aber geben, das sagt mir der Verstand. Ist vielleicht der Weg den die Ratio, also der Verstand, erkennen lässt, ein Weg aus dem Bereich der Rationalität?

 

Ja, das gibt’s. In Notfällen muss manchmal gehandelt werden, ohne viel zu überlegen. Und manchmal findet man sogar einen Ausweg. Die Notwendigkeit ist die Mutter aller Erfindungen. Es gibt keine Zeit zum Planen. Man überlässt alles dem intuitiven, instinktiven. Dies scheint der Fall bei der letzten Generation zu sein, und kann vielleicht einiges erklären und rechtfertigen.

 

Ich bin ein Sohn der Aufklärung, ich werte sehr den Verstand und nur sehr ungern erkenne ich seine Grenzen. Man sollte aber auch die Grenzen in der Erkundung der Grenzen der Rationalität erkennen. Der Verstand kann auch dort herrschen, wo man ihn nicht sieht, und eine Lösung der Probleme kann es auch dort geben, wo man sie nicht erkennt. Krisen schaffen Auswege. Jeder, der ein bisschen gelebt hat, weiß, dass es diese Situationen gibt. Vielleicht sind die Kleber Teil dieses Spiels.

 

 

Mit diesem Beitrag habe ich den Finger auf die Wunde gelegt. Es folgten allerlei Kommentare um den angesprochenen Problemen zu entgehen. Sogar mit dem Atomkrieg und mit Pandemien wurde gedroht. Nur mit der Ausrottung der Menschheit wäre gedient. Ich habe dann ironischerweise gesagt, dass Selbstmord immer eine Lösung ist. Warum  dann aber andere Menschen mit hineinziehen? Weil man nicht alleine sterben will?

 

Gibt es ein Problem, das schwierig zu lösen ist, dann bietet der Eskapismus zwei Möglichkeiten. Entweder man leugnet das Problem, d.h., man tut so als ob nichts wäre. Oder, im Gegensatz, man macht das Problem so groß, dass nichts zu machen ist. Das Nichts und das Alles, Null und Unendlich, sind zwei Extreme, die sich berühren. In diesem Fall führen beide zur Passivität. Und das ist ja auch der Grund für das Verhalten. Man will nichts machen, weil man Angst hat etwas zu machen. Die Angst ist so groß, dass man lieber stirbt, als man etwas dagegen tut. Dabei ist ja das schlimmste, was uns passieren könnte, der Tod. Man will also sterben, um nicht sterben zu müssen. Wie wir sehen sind Rationalität und Angst unvereinbar.

 

Ferner wurde, innerhalb der Todesvariante des Eskapismus, mit Verzicht auf Kinder, Kindermord und anti-natalistische Bewegung gedroht. Daraufhin habe ich folgenden kleinen Beitrag geschrieben.

 

 

Wieviel braucht es, um zu so wenig zu kommen?

 

Verzicht auf Kinder oder anti-natalistische Bewegung ist so eine Art von Selbstmord. Es ist der Selbstmord der Spezies. Immer wenn die Sachen schlimm aussehen, scheint der Tod die einzige Lösung zu sein. Und doch liegt alles auf der Hand, und ist so einfach, dass ich mich schäme es zu sagen. Jeder muss ein bisschen von seiner Wenigkeit, sein Ego, seine Habseligkeiten, sein Komfort abgeben, und die Sache ist gemeistert. Aber …. wieviel braucht es, um zu dieses Wenige zu kommen?

 

 

Diese Frage wurde nicht beantwortet. Immer wenn es eine Alternative zu den Problemen gibt, dann wächst die Angst, und die Ratio verschwindet. Die Angst ist ja die Angst vor der Alternative, weil man deren Folgen fürchtet. Man glaubt, die Lebensbedingungen könnten sich verschlechtern, es könnte eine noch schlimmere Krise kommen mit Bankrott, Arbeitslosigkeit, usw. Es ist wie in Brechts „Gleichnis des Buddha vom brennendem Haus“. Das Haus brennt, aber die Leute sind um ihre Sparbüchsen und Sonntagshosen besorgt.

 

Im obigen Beitrag wird auf ein Widerspruch zwischen viel und wenig hingewiesen. Viel muss in der Gesellschaft geschehen, um zu dem wenigen, das notwendig ist, um das ökologische Problem zu lösen, zu kommen. Ein weiterer Widerspruch zwischen wenig und viel gibt es, wenn man beachtet, dass das Opfer klein sein kann, muss aber von vielen getragen werden damit es wirksam wird. Ferner sind manchmal wenige notwendig um viele zu einer Änderung zu bewegen.

 

Dennoch glaube ich nicht an der Lösung des Problems durch eine kleine Gruppe Aufgeklärter. Solche Versuche gab es schon mehrmals in der Geschichte, und die Ergebnisse waren meistens katastrophal. Manchmal ist eine Krise notwendig, um diese Widersprüche zu lösen. Sie kann die Anzahl der wenigen Aufgeklärten steigern und gleichzeitig die Anzahl der Vielen, die versunken in Trägheit und Fatalismus sind, sinken.

 

 

*  *  *

 

 

Im ersten Absatz des obigen Beitrages „Der Kern ist die kapitalistische Produktionsweise, obwohl… „ habe ich darauf hingewiesen, dass der reale Sozialismus, d.h., was damals in der SU geherrscht hat, nicht imstande war, die ökologische Frage befriedigend zu beantworten. Auch im heutigen China, das ja auch dem Sozialismus zugeordnet werden kann, wird eher ein Beitrag zur Weltverschmutzung als zur Weltsanierung geleistet. Wie war/ist so etwas möglich? Und warum?

 

Diese Fragen zu beantworten ist keine leichte Aufgabe, und ich habe hier weder Raum noch Zeit da tiefer einzugehen. Einiges will ich aber doch sagen.

 

Bei Marx / Engels fängt es schon an, denn obwohl hier und da, punktuell, etwas über dieses Thema gesagt wurde, so war es sicherlich unmöglich, im XIX-Jahrhundert, die ökologische Katastrophe vorauszusehen.

 

So z.B. die Aussage in MEW (Marx-Engels-Werke) 25, 784, dass keine Gesellschaft Eigentümer der Erde ist. Wir sind nur Besitzer und Nutznießer, und haben die Pflicht als gute Familienväter (boni patres familias), sie der nächsten Generation verbessert zu hinterlassen. Hier wird das wesentliche gesagt, aber leider nur generell. Oder in MEW 3, 69, wo es heißt: „In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte…“ Oder noch in MEW 23, 528-30: „und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben,… Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen des Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

 

In dem letzten Zitat haben wir den springenden Punkt. Der Kapitalismus fördert die freie Entfaltung der Produktivkräfte, aber gleichzeitig führt er zur Ausbeutung der Arbeiter und zum Ausrauben des Bodens. Die Entfaltung der Produktivkräfte, das ist gut. Die Ausbeutung der Arbeiter und das Ausrauben des Bodens, das ist schlecht.

 

Die Unterteilung in Gut und Schlecht ist meistens eine Vereinfachung. Sie verkennt die Radikalität der dialektischen These, die besagt, dass in der Wirklichkeit die Ebenen sich vermischen: Gut und Böse, These und Antithese laufen meistens zusammen. Der Widerspruch bewegt die Welt. Wenn alles sich bewegt, dann kann das was heute gut ist, morgen schon schlecht sein, d.h., im Guten befindet sich schon der Keim des Bösen.

 

Marx / Engels haben keine Kritik an dem Industrialisierungsmodell, an der Technik und Technologie per se, sondern nur an der Art und Weise wie sie vom Kapitalismus betrieben wird, ausgeübt. Was aber wenn dieses Industrialisierungsmodell, diese Technik und Technologie ein Produkt des Kapitalismus, mit ihm innigst verbunden ist? Wie bleibt es dann? Kann man sich dem Industrialisierungsmodell, ohne die darin eingebetteten kapitalistischen Mängel, aneignen? Oder ist das Industrialisierungsmodell, die Technik und Technologie nicht vielmehr eine fünfte Kolonne, ein trojanisches Pferd des Kapitalismus?

 

Hier kann eine Kritik am Marxismus gemacht werden: die Unterbewertung kultureller Aspekte. Was ich damit sagen will, ist dass, im weiteren Sinn, auch das Industrielle Modell, die Fließbandfertigung, die Massenproduktion, Technik und Technologie, den kulturellen Aspekten des Kapitalismus angehört, und mit ihm eng verknüpft ist. Die Kritik am Kapitalismus darf sich nicht nur auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte beschränken, sondern muss auch die Kultur miteinschließen.

 

Größter Schaden wird dem Marxismus zugefügt, wenn man ihm als Dogma aufnimmt. Wer dies tut, übt Verrat am revolutionären Erbe des Marxismus, denn er verkennt seine Grundlage: die Dialektik. Wenn alles sich bewegt, alles sich verändert, dann muss auch der Marxismus sich verändern. Marx muss verändert werden. Nur wenn Marx verändert wird, kann er weiter mit uns leben. Wer Marx nicht verändern will, der ist kein Marxist. Das diese Ideen den Revisionismus ermöglicht haben, muss man mit Gelassenheit hinnehmen, wie man hinnehmen muss, dass es Veränderungen zum Besseren und zum Schlechteren gibt. Wer die Veränderung ausschließen will, weil sie die Möglichkeit einer Verschlechterung miteinschließt, der macht jede Veränderung unmöglich, ist also, im engsten Sinne, ein Reaktionär, weil er eben gegen die Möglichkeit der Veränderung reagiert.

 

Warum haben Marx / Engels keine Kritik am Industrialisierungsmodell ausgeübt? Weil damals die Hauptprobleme der Hunger und die Misere waren, und weil Technik und Technologie einen wichtigen Beitrag zur Überwindung dieser Schwierigkeiten leisten konnten und tatsächlich geleistet haben. Der enorme technische Fortschritt der letzten Jahrhunderten ist zum großem Teil dem Kapitalismus zu verdanken. Marx und Engels glaubten, dass erst nachdem die Bourgeoisie ihre historische Rolle erfüllt, und die Produktivkräfte voll entfaltet hat, der Vergesellschaftungsprozess vorangetrieben werden kann.

 

Wie alles im Leben, gibt es aber eine Kehrseite. Die Entwicklung von Technik und Technologie hatte Folgen, und wir bezahlen heute, mit der Umweltverschmutzung und mit der Klimaäderung, die Kosten. Wir müssen also einen Schritt weiter gehen, und aus den schon erwähnten Gründen, scheint es sehr unwahrscheinlich, dass der Kapitalismus imstande ist, ihn zu machen. Zwar hat der Kapitalismus geholfen die Produktivkräfte zu entfalten, der größte Teil der Nutzen blieb aber in den Händen weniger. Die heutige Lebensmittelproduktion müsste eigentlich genug sein um den Hunger der gesamten Menschheit zu stillen, aber trotzdem hungern noch Millionen Menschen und selbst in den Entwickelten Ländern ist der Fraß, den die meisten essen, deren unwürdig. Die Errungenschaften der Technik und Technologie den breiten Massen der Bevölkerung zu Verfügung zu stellen, das scheint nur der Sozialismus imstande zu sein. Das schließt auch die Lösung des Klimaproblems sowie die Beseitigung der Umweltschäden mit ein, denn der Mensch ist mit der Umwelt innigst verbunden, und eine Politik zu Gunsten breiter Massen der Bevölkerung, kann nur eine umweltkonforme Politik sein.

 

Eine weitere Begründung der Tatsache dass der Kapitalismus nicht imstande ist das ökologische Problem zu lösen, wird in den Artikel „Karl Marx im Zeitalter der Ökologie“ von Bruno Kern, erschienen 2018 in der Ökumenische Zeitschrift für Sozialethik, gegeben (siehe https://ethik-und-gesellschaft). Dort werden der Zwang zum Wachstum, der ständige Trend zu kapitalintensivere und energieintensivere Produktion, der Konkurrenzkampf, die Aufwärtsspirale, die Akkumulation auf immer höhere Stufe, die weltweite Expansion, die Erzeugung künstlicher Bedürfnisse, die Produktion auf Verschleiß, dem Kapitalismus als inhärente Attribute zugeschrieben, die mit der Ökologie unvereinbar sind. Ferner wird dort der Warenfetisch, der Verhältnisse von Menschen in Verhältnisse von Waren umwandelt, erwähnt (siehe z.B. die heutige Benutzung des Handys, die menschliche Beziehungen tief transformiert hat). Auch gibt es im Kapitalismus die Umkehrung der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. So hat, z.B., die Warenwelt, eine eigene vom Produzenten nicht beabsichtigte Gesetzlichkeit, die vom Markt bestimmt wird.

 

Sehr interessant ist was Marx in den Pariser Manuskripte (1844) schreibt: „… die Gesellschaft ist die vollendete Wesenheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur“ (MEW, 40, 538). Der Mensch ist von Natur aus ein soziales und gemeinschaftliches Wesen (absichtlich vermische ich hier Gemeinschaft mit Gesellschaft). Folgt er seine Natur, dann wird er zu Eins mit der Gesellschaft. Anderseits sollte der gesellschaftliche Mensch, d.h. der Mensch der die sozialen über den individuellen Werten setzt, interessiert an der Erhaltung der Natur, die ja die Erhaltung der Spezies garantieren kann, sein. Der Mensch wird also durch die Gesellschaft zur Einheit mit der Natur gebracht. Mensch, Gesellschaft, und Natur vereinigen sich. Diese Ideen lassen sich nur im Sozialismus verwirklichen, denn nur dort hat die Gesellschaft den Vorrang.

 

Im Gegensatz dazu, besetzt im Kapitalismus die Ware, das Ding, kurz, das Objekt das Zentrum (siehe auch Verdinglichung). Die Gesetzlichkeiten des Objekts, z.B. der Markt, regieren die Welt. Die Natur muss sich dem Markt fügen, sie wird von ihm gezähmt, gebändigt, dressiert. Im Kapitalismus dient das Subjekt dem Objekt, und nicht wie es natürlicherweise sein sollte, dass das Objekt dem Subjekt dient.

 

Um nicht generell und abstrakt zu bleiben und um zu zeigen, dass die Kritik am Industrialisierungsmodell nichts utopisches hat, will ich ein spezifisches, konkretes und praktisches Beispiel geben: die Fließbandfertigung. Sicher hat sie einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Produktivität geleistet, und bildet die Basis des modernen Industrieprozesses. Aber genauso sicher ist die Tatsache, dass die Einstellung von Arbeitern an einem Fließband und die damit zusammenhängende Entfremdung unvereinbar mit dem Sozialismus sind. Denn wenn im Sozialismus die Arbeit eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben spielen soll, dann kann man einfach nicht mit eine verblödende Tätigkeit, bei der der Mensch ständig ein paar Handgriffe mechanisch wiederholt, einverstanden sein. Entfremdung ist, in diesem Fall, den Menschen zur Maschine machen zu wollen. Die Maschine ist das Produkt des Menschen, und soll ihm dienen, und nicht umgekehrt. Der Mensch, das ist der Homo Faber, und wenn er der Schaffende ist, dann muss auch das Schaffen den Menschen würdigen. Sonst wird er der Arbeit fremd, er entfremdet sich vom Arbeitsprozess, er wird sich selbst fremd. Es gibt dann eine Spaltung zwischen das Schaffen und den Mensch, die Arbeit und das Sein.

 

Im Sozialismus gibt es also zwei Möglichkeiten. Entweder wird die Fließbandfertigung abgeschafft oder der Mensch wird durch die Maschine ersetzt. Diese zweite Alternative wurde zwar vom Kapitalismus übernommen, aber nicht wegen der Entfremdung, sondern wegen der Senkung der Kosten, wegen der kleinere Abhängigkeit von Arbeit und Arbeiter, größere Kontrolle des Arbeitsprozesses und die Umwandlung von Kosten in Investitionen. Letztere sind den Aktionären sehr gelegen, denn Investitionen schlagen sich auf der Aktivseite der Bilanz nieder, Arbeitskosten dagegen nicht.

 

Hier unterscheiden sich also die Wege. Wenn nämlich im Kapitalismus die volle Automation adoptiert wird, dann ohne jede Rücksicht auf die damit verbundene Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil, sie ist ihm sehr gelegen (siehe Industrielle Reservearmee), denn wenn es viele Arbeitslose gibt, dann sinken die Gehälter, Arbeitsbedingungen werden schlechter und die Gewerkschaften werden schwächer.

 

Dagegen ist im Sozialismus die Senkung der Arbeitslosigkeit ein unabdingbares Ziel. Was im Fall der vollen Automation genau gemacht werden sollte um die Arbeitslosigkeit zu sinken, sprängt den Rahmen dieses Beitrages. Es gibt aber tausend Möglichkeiten. Man könnte z.B. die Kürzung des Arbeitstages, größere Zeit für Bildung und Kunst, mehr Sport und Freizeit, usw. fördern. Das diese Ideen nichts utopisches haben, erkennt man schon an der Tatsache, dass auch der Kapitalismus, diese Vorteile der Automation versprochen hat. Es hat sie versprochen, aber wie so öfters im Kapitalismus, nicht eingehalten. Kapitalismus verkauft Träume, die er dann nicht verwirklichen lässt (sonst wären sie ja nicht Träume). Der Kapitalismus ist eine Fabrik von Illusionen. Von Illusion zu Illusion gewinnt man Zeit und darauf kommt es an, wenn man nichts zu bieten hat.

 

Es gibt aber noch die zweite von den obigen genannten Alternativen: die Abschaffung der Fließbandfertigung. Diese ist unvereinbar mit dem Kapitalismus, da sie die Massenproduktion in Frage stellt. Wie aber würde so etwas im Sozialismus aussehen?

 

Um diese Frage zu beantworten muss ich davon ausgehen, dass die Produktion einiger Konsumgüter eingedämmt werden muss. Ich will nur ein Beispiel geben, weil ich hoffe, dass daraus klar wird, was ich meine: das Auto. Die Benutzung von Pkws beim Individualverkehr ist ökologisch unvertretbar, ausgenommen Sonderfälle wie z.B. Schwerbehinderte, Notfälle, Dringlichkeiten, usw. Ein dichtes, billiges und gut ausgebautes Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln müsste imstande sein den Transport von Menschen und Waren zu garantieren. Im Normalfall müssten Fahrrad und kleine Elektroautos genügen um kleine Entfernungen zu überwinden.

 

Diese Tatsachen haben zur Folge, dass die Produktion von Autos sich um ein Vielfaches verringert. Massenproduktion lohnt sich dann nicht mehr, es wird wahrscheinlich zu mehr handwerkliche Arbeit kommen und die Fließbandfertigung wird zum Teil eingestellt.

 

Ich habe ein drastisches Beispiel ausgewählt. Wenn aber die Konsum- und Wegwerfgesellschaft an Terrain verliert, dann werden die Produkte haltbarer und dementsprechend verringert sich dann auch die Produktion. Massenproduktion bekommt eine kleinere Gewichtung und die Fließbandfertigung wird zum Teil unrentabel. Diese sind mögliche Alternative für ein sozialistisches und umweltfreundlicheres Industriemodell.

 

Alle diese Ideen sind nichts weiter als eine Skizze, die ich nur gemacht habe, um nicht nur generell, allgemein, vage und diffus zu bleiben. Ich habe sie nur geschrieben, um zu zeigen, dass es sich hier nicht um eine Utopie handelt, dass die Gedanken konkret sind und verwirklicht werden können. Diese Verwirklichung bedarf eine breite und tiefe Diskussion, und darf nicht, wie ich das hier gemacht habe, von einer Skizze persönlicher Einfälle abhängig sein.

 

Die Absicht hier ist nichts weiteres als einige Ideen zur Diskussion zu stellen. Man muss erst wissen was man will, um dafür zu kämpfen. Sicher wird es eine starke Opposition gegen diese Gedanken geben, weil eine breite Masse nicht auf ihre Sonntagshosen und Sparbüchsen verzichten will, weil starke Interessen und Profite damit bestritten werden, weil es Trägheit und Beharrung gibt, weil die Kultur des Konsums in den Massen schon tief eingeprägt ist. Sicher ist auch, dass so eine starke Änderung nicht von einem Staat alleine getragen werden kann. Wie bereits gesagt, muss die ökologische Frage gemeinsam gemeistert werden. Der Beitrag eines Einzelnen hat wenig Einfluss auf die Gesamtlage des Klimas. Es muss also eine starke Gruppen von Ländern geben, die bereit sind solche Änderungen einzuführen.

 

Bei all diesen Schwierigkeiten dürfen nicht dieselben Fehlern wie damals, beim realen Sozialismus, gemacht werden. Nicht notwendigerweise muss es Konsens geben. Aber eine breite Mehrheit muss bereit sein für diese Ideen zu kämpfen, und sie aktiv zu unterstützen. Es darf nicht nur die Aufgabe einiger weniger Auserwählten und Aufgeklärten sein.

 

 

*  *  *

 

 

Der Beitrag mit dem Titel „Der Kern ist die kapitalistische Produktionsweise, obwohl… „  (siehe vorletzter Abschnitt oben) endete im Literaturforum mit folgendem PS.

 

 

P.S.

 

Mich stört überhaupt nicht, dass der eine oder andere Kleber aus reichen Verhältnissen stammt. Ich diskutiere gerne die Ideen, den Weg, die Gründe, aber ich diskutiere nicht die Person, die sie ausspricht. Das ist Teil der Hetzkampagne reaktionärer Medien, die dann von einigen (vielen) nachgeplappert wird. Sie diskutieren nicht die Ideen, weil sie dazu keine Argumente haben. Sie lenken gerne die Aufmerksamkeit auf die persönliche Sphäre.

 

 

In diesem kleinen P.S. werden drei Wörter benutzt, die ein starken Beigeschmack haben: Hetzkampagne, reaktionär und nachgeplappert. Eine Reaktion war zu erwarten und ich muss zugeben, dass ich mich etwas zugespitzt ausgedrückt habe.

 

Als Folge dieses P.S. wurde dann behauptet, die Kleber würden mit ihren Demos die Bewegungsfreiheit gefährden. Sie begingen Rechtsbruch, und man müsste sie einsperren. Ich verlor die Geduld. Das jemand im XXI-Jahrhundert, nachdem Marx / Engels soviel über den juristischen Überbau einer Gesellschaft geschrieben haben, noch an das Gesetz als etwas absolutes, über alles schwebendes, alles entscheidende, denkt, das kann ich nicht akzeptieren. In meiner Meinung muss selbst das Grundgesetz, die Verfassung, in ihrer Aussagekraft relativiert werden.

 

Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass ich nicht gegen das Gesetz bin. Für eine Veränderung der Welt kann nichts schlimmeres als der Chaos, der aus einer vollen Gesetzlosigkeit entsteht, sein. Eine gewisse Ordnung muss es geben, damit ein soziales Leben zustande kommt. Und ohne soziales Leben ist keine kollektive Aktion möglich. Das heißt aber noch lange nicht, dass man dem Gesetz blind gehorchen soll. Hier gilt wieder einmal die Dialektik. Man muss Widersprüche akzeptieren können und lernen mit ihnen umzugehen. Man beachtet das Gesetz, aber gleichzeitig versucht man es zu unterwandern.

 

Das man für etwas aber gleichzeitig dagegen sein kann, d.h., man ist mit gewissen Aspekten einverstanden, mit anderen aber nicht, das geht in einigen positivistisch-konstruierten Köpfen nicht ein, genauso wie es in diesen Köpfen nicht eingeht, dass einer, so wie Engels, reich sein kann, und doch einen enormen Beitrag zum Aufstieg der Armen leisten kann. Es gibt für solche Köpfe nur das Ja oder das Nein. Die Wirklichkeit besteht aber nicht aus Ja oder Nein. Alles bewegt sich dazwischen.

 

Das Gesetz spiegelt die Gesellschaft in der wir leben. Nicht nur das Gesetz, sondern auch der Staatsapparat, Religion, Kunst, Wissenschaft, usw. sind Teile der Gesellschaftsordnung. Das ist was Marx / Engels unter Überbau verstanden haben. Wollen wir die Gesellschaftsordnung ändern, so muss  auch der Überbau verändert werden. Da wir aber in der Gesellschaft leben, und auch in der Gesellschaft am Leben bleiben wollen, denn nur so ist es möglich sie zu verändern, muss einiges von diesem Überbau respektiert werden. Dies soll die doppelte Haltung erklären.

 

Als im Literaturforum behauptet wurde, die Kleber würden den demokratischen Rechtsstaat gefährden, als wieder einmal mit dem Gesetz und mit  Paragraphen gewinkt wurde, winkte ich, in Anspielung darauf, mit der Flagge des „Law & Order“. Das war der vierte starke Ausdruck den ich benutzt habe. Beachtet werden muss, dass „Law & Order“ eine enge Assoziation mit Richard Nixons und Ronald Reagans konservative Politik, und dass der Ausdruck auch eine Verbindung mit dem Faschismus hat.

 

Die Reaktion war zu erwarten und dauerte nicht lang. Die Kleber würden den Rechtsstaat  herausfördern, wurde argumentiert. Man hätte doch viele Möglichkeiten legal zu demonstrieren. Es handle sich hauptsächlich um Studenten. Sie sollten sich um ihren zukünftigen Beruf sorgen und sollten ihren Elan auf MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) setzen, damit sie einen anständigen Beruf bekämen, anstatt sich um die Umwelt zu kümmern. Man dürfe nicht die Bewegungsfreiheit des normalen Bürgers stören. Der hätte sonst ein Recht auf Notwehr. Man müsse dann die Kleber einfach vom Asphalt schmerzhaft abreißen. Es könnte doch ein dringender Notfall sein, jemand der das Krankenhaus aufsuchen müsste.

 

Diese Argumente sind alt, und wiederholen sich immer wieder. Gerade deswegen sollte man vielleicht da etwas weiter eingehen. Damals, siebziger Jahre, als ich in München studierte und es Straßendiskussionen mit Studenten gab, war das beliebteste und meist benutzte Argument des guten Bürgers: „Wenn es dir hier nicht passt, dann geh doch in die Sowjetunion!“ Die Sowjetunion gibt es heute nicht mehr, aber das Argument, leicht verändert, ist noch dasselbe. Die SU bedeutete Exklusion: Gehe weit weg von hier, meinetwegen in die Hölle, wenn es dir hier nicht gefällt. Im Gegensatz dazu, bedeuten die MINT-Fächern die forcierte Integration: Werde ein guter Bürger, führe genau das miese Leben, dass wir hier führen. Beides, Exklusion und forcierte Integration, bedeuten Entfremdung. Das eine ist die äußere, das andere ist die innere Entfremdung. Die SU bedeutet es buchstäblich: Man verlässt Deutschland, und geht in die Fremde. Aber auch die MINT-Fächern bedeuten die Entfremdung aus dem Sozialen, Menschlichen, und die Flucht in den künstlichen Paradiesen der Logik und der Zahlen. Es bedeutet die Entfremdung von sich selbst, von dem was man glaubt und träumt. In beiden Fällen soll man das sein lassen, was man ist, und für sinnvoll hält, man soll den Kampf für eine bessere Welt, hier und jetzt, aufgeben.

 

Das Argument mit dem Notfall ist schwieriger. Ich bin sicher, dass das Letzte was die Kleber bei ihren Demos wollen ist, dass jemand in einen aufgehaltenen Krankenwagen stirbt. Aber dieser traurige Fall, wenn auch unwahrscheinlich, und obwohl Maßnahmen getroffen werden können, um solche Fälle zu vermeiden, kann nicht ausgeschlossen werden. Demos verursachen nun mal Störungen im täglichen Leben, und der Sinn ist ja gerade das normale Leben zu stören, damit man sich der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst wird.

 

Die Diskussion im Literaturforum näherte sich seinem Ende, denn die Wege gingen jedes Mal weiter auseinander. Der Gnadenstoß lieferte folgender Beitrag.

 

 

Mittel zum Zweck oder Zwecke der Mittel?

 

Ich glaube man macht hier einen grundlegenden Fehler, indem man die Art des Kampfes unabhängig vom Ziel betrachtet. Ist man mit dem Ziel einverstanden, so ist man eher gewollt, gewisse Arten des Kampfes zu akzeptieren. Ist man mit dem Ziel nicht einverstanden, so ist man auch gegen den Kampf. Sicher ist, dass jeder Kampf Störung im täglichen Leben verursacht. In wie weit diese Störungen geduldet werden können, ist von Fall zu Fall verschieden, und lässt sich nicht absolut bestimmen.

 

 

Der Titel dieses Beitrages ist etwas verwirrend, denn es handelt sich hier nicht um zu wissen ob die Mittel dem Zweck dienen, oder ob die Mittel selbst Zweck sind, d.h., der Zweck wird nur als Vorwand benutzt um die Mittel zu legitimieren. Der kleine Beitrag handelt viel mehr über die Verbundenheit zwischen Mittel und Zweck, d.h., Mittel und Zweck sind so eng verknüpft, dass man öfters nicht den einen von dem anderen unterscheiden kann: Mittel werden zum Zweck, und / oder nur durch den Zweck können gewisse Mittel verstanden werden. Im Grunde antwortet diese Aussage die Frage die im Titel des Beitrages steht. Wenn nämlich Mittel und Zweck eng verbunden sind, dann ist es ganz egal wer wem dient.

 

Ich hatte über dieses Sujet schon allerlei im Literaturforum geschrieben, unter der Rubrik „Geschichten aus der DDR“, und vertrat dort die erwähnte Aussage. Mein Widersacher in der Klimadiskussion hatte natürlich nichts davon gelesen. Sonst hätte er nicht behauptet ich wäre ein Kommunist und würde versuchen illegale Mittel durch den Zweck zu legitimieren. In „Geschichten aus der DDR“ hatte ich nämlich genau die entgegengesetzte These vertreten. Ich kritisierte gerade den Realsozialismus, weil er autoritäre Mittel durch den Zweck, also den Aufbau einer besseren und gerechteren Gesellschaft, zu legitimieren versuchte. Ich sagte, dass so etwas nicht funktionieren kann, weil die Verbundenheit zwischen Mittel und Zweck auch zu einer Entstellung der ursprünglichen Zielen führt.

 

Welche Antwort hätte ich bei der Bezichtigung, ich wäre ein Kommunist, geben können? Was ist genau ein Kommunist? Wurde da Lenin, Trotzki oder Stalin gemeint? Oder Marx? Oder sogar Lukács? Oder ist es egal, weil alle gleich sind?

 

Ich bedankte mich für die Etikettierung. Es war mir mindestens gelungen, nicht bei den Faschisten eingestuft zu werden.

 

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