Sonntag, 25. August 2019

Eine wahre Geschichte und noch mehr Fragen (Geschichten aus der DDR - Teil II)




Ein kleines Intermezzo, das ich benutzen will, um einige Auskunft, für diejenigen die mit der Geschichte der KZs nicht vertraut sind, zu geben. Es handelt sich hauptsächlich um das KZ Buchenwald.

Was hat das mit der DDR zu tun? Erstens, war das KZ auf dem Ettersberg bei Weimar errichtet, ein Gebiet das später zu der DDR gehörte [1]. Das ist aber unwichtig. Wichtig ist, das Buchenwald eines der wenigen Lager war, wo es eine Widerstandsbewegung gab. Diese hat dann später Kadern für Führungspositionen der DDR geliefert.

Im KZ Mittelbau-Dora, dass zum Buchenwald-Komplex gehörte, fand ab 1944 die Montage der V-2 Rakete statt. Der Ausbau des unterirdischen Komplexes am Fusse des Kohnsteins nahe Nordhausen und die Fertigung der Waffen forderten laut SS-Akten das Leben 12000 Arbeiter, die meistens aus den KZs kamen. Neuere Schätzungen lassen die Zahl der Todesopfer bis auf 20.000 ansteigen. Ungefähr zwanzig Kilometer unterirdische Gänge wurden von den Lagerinsassen konstruiert unter den schlimmsten Verhältnissen: Staub, Krach, Sprengungen, Feuchtigkeit, Kälte, Dunkelheit. Keine Sanitären Anlagen waren vorhanden, und die Arbeiter wurden oft in den Kammern, die vom Hauptstollen abzweigten, untergebracht. Die Lebensbedingungen waren so schlimm, dass die Lebenserwartung eines Häftlings bei sechs bis acht Wochen lag.

Diese Zustände erinnern mich an der Legende vom toten Soldaten. Voran marschieren halb tote Skelette, verweste Leiber, von Krankheit, Hunger und Gestank gepeinigt. Mit Krach und Gebrüll kommen dann die Maschinen, riesige Gestalten aus Stahl und am Ende mit viel Getöse und Tschindrara, versteckt hinter den Gerüsten, kommen die Herren in Uniform. Der ganze Zug feiert mit grandiosen Getue, Sieg und Heil, der kommende Triumph der neuen Vergeltungswaffe. Eine hinkende, schwarze und kleine Gestalt schliesst die Kolonne.

Die Wunderwaffe kam zum Einsatz gegen England ab September 1944. Die Bombe flog mit einer Geschwindigkeit von ca. 5000 km/h (Mach 5) und erreichte das Ziel in ca. fünf Minuten. Damals gab es keine Abwehrmöglichkeit gegen diese Waffe. Wegen der hohen Geschwindigkeit war es kaum möglich Fliegeralarm auszulösen, was eine besondere psychologische Wirkung bei der angegriffenen Bevölkerung hatte, denn auf einmal knallte es, ohne dass man sich darauf vorbereiten konnte. Die V2 Rakete sollte den Krieg zu Gunsten der Deutschen entscheiden aber dazu war die Waffe zu unpräzis, der Schaden zu klein und die Fehlschläge zu gross [2]. Auch war es schon zu spät und Deutschland zu geschwächt [3]. Sicherlich hat die Sabotagearbeit der linken Untergrundorganisation im KZ Mittelbau-Dora ihren Beitrag zu dieser Situation geleistet.

Sozialisten und Kommunisten gelang es wichtigen Einfluss bei der internen Organisation des Lagers zu bekommen. Natürlich hatte die SS die Oberhand und natürlich war der Wirkungsbereich der Roten Kapos gering. Wie ist es aber zu einer solchen Zusammenarbeit überhaupt gekommen? Wie war so etwas möglich? Ist es korrekt von Zusammenarbeit zu sprechen, wenn es da sicherlich grosse Spannungen zwischen beide Gruppen gab? Welchen Nutzen hat sich die SS damit versprochen, um Sozialisten und Kommunisten den Zugang an dem KZ-Apparat zu erlauben? Und die Linke, welche Vorteile hat sie sich dadurch erhofft? Wie konnte sie die Beteiligung an der Macht so einer Folterkammer rechtfertigen?

Was für eine phantastische Geschichte! Keine Phantasie kann da mit der Wirklichkeit standhalten. Aber was sagt die Rechte dazu? Wie beantwortet sie diese Fragen? Die Rechte meint der Mensch sei schlecht, und müsse durch das Schlechte gebändigt werden. Sie glaubt, dass auch die Linke nichts anderes als Macht wolle, und benutze jede Gelegenheit diese zu festigen. Alles andere wären dann nur Parolen, gemacht um uns in der Wirre zu treiben.

Die gemässigte Rechte setzt die Linke gleich dem Stalinismus. Dieser wäre dann der reale Sozialismus, der Sozialismus der Realität. Alles andere wäre ja nur Utopie, die sich nie verwirklichen ließe. Ein Traum. Ein Schmarrn das mit dem Guten im Bösen. Reiner Betrug!

Und was meint die Linke? Die Linke meint, dass es da selbstverständlich eine gewisse Zusammenarbeit mit der SS gab. Sie war aber nur Mittel zum Zweck. Der Zweck war Leben zu retten, das Gute im Bösen zu suchen, und das Bestmögliche daraus zu machen. Das es dann meistens Sozialisten waren, die gerettet wurden, das ist halt dieser Richtlinie zu verdanken. Sie sind das Gute. Einige Asoziale, Verbrecher und Spitzel kamen dabei ums Leben, das war der Preis den man dafür bezahlen musste. Das es da einige Fehler bei der Planung gab, das war eben unvermeidlich. Es handelt sich um Wirklichkeit, nicht um Utopie.

Und wo bleibe ich? Wie reihe ich mich da ein, zwischen Gut und Böse, Linke und Rechte? Bleibe ich zwischen den Stühlen, jenseits von Gut und Böse, Links und Rechts? Das wird man sehen.


Bemerkungen:

[1] Wieder einmal treffen sich Kultur und Barbarei denn Weimar zählt zu einer den bedeutendsten Kulturstädten Europas und der Ettersberg hat eine starke Verbindung mit den Name Goethes.


[2] Gemäss Wehrmacht und Niederlage - die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft 1944-1945 von Andreas Kunz, wurden 6500 Stück A4/V2 zwischen Januar 44 und März 45 produziert. Mehr als die Hälfte aller Raketen konnte nicht abgeschossen werden, und im Oktober erwies sich zwei Drittel als unwirksam. Die Streuung der Fernwaffe war so gross, dass sich damit keine militärischen Ziele bekämpfen ließen.

[3] Die Sprengkraft aller abgefeuerten V2 Raketen zusammen war kaum stärker als ein einziger mittlerer Bombenangriff. Die Wirkung war eher psychologischer Art. Vom Schaden betroffen wurde hauptsächlich die Zivilbevölkerung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen