Wir sitzen in einen Loch. Im Moment steht die
Gesundheit im Mittelpunkt; bald wird es die Wirtschaft, und dann die Politik
sein.
Da ist mir ein Loch über den Weg gelaufen. Oder war
es nur eine Maus die das Loch aufsuchte? Genau weiß ich es nicht mehr.
Dann kamen Assoziationen. Ich dachte mir: das Loch,
das ist doch das Nichts; das Nicht-Loch ist das Etwas. Loch oder Nicht-Loch, Nichts
oder Etwas, Sein oder Nichtsein. Da sind wir doch wieder bei der Dialektik?
Mit der Dialektik kam der Humor. (Ist überhaupt
Dialektik ohne Humor verständlich?)
Da erinnerte ich mich an den Mann, der so schön
Humor mit Loch verbunden hat. Wie gut dass wir den gehabt haben. Den nimmt uns
keiner mehr weg. Der ist aus dem Loch wieder aufgestanden, und läuft unter uns,
munter und frisch. Das soll uns in diesen Stunden (die natürlich wieder vorbei
gehen werden, aber wann?) trösten.
Zur soziologischen Psychologie der Löcher
Kurt Tucholsky
Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des
Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall
etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine
Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es,
der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie
bedrängt werden. Loch ist immer gut.
Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er
Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an
Goebbels.
Das Loch ist der Grundpfeiler dieser
Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem
finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen,
wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß
überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der
Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem
gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher
gewesen.
Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er
gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der
Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines
Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs
... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den
Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne
.
Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es
nicht. Fast nicht.
Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines,
einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen.
Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum
linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu
beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.
Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es
dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? Oder läuft es zu einem andern
Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß
das: unser Wissen hat hier eines.
Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon
ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?
Und warum gibt es keine halben
Löcher -?
Manche Gegenstände werden durch ein einziges
Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun
das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein
Luftballon.
Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das
Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei
uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein.
Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht
richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen
Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden
gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie
diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein
Loch ausfüllen wollen.
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